Erstes Knöllchen der Welt wurde 1896 ausgestellt

Geschrieben von Matthias Kierse. Veröffentlicht in Klassiker

- Fahnenläufer vor Auto damals Vorschrift
- Walter Arnold viermal schneller als erlaubt
- Arnold fuhr 8 anstatt der erlaubten 2 mph
- er erhielt erstes Knöllchen der Geschichte
- Concours of Elegance zeigt Arnold Benz
 


Für alles gab es irgendwann ein 'erstes Mal'. Ob die Erfindung des Rades (rund 4000 v.Chr.), das erste Automobil (1886) oder die Entwicklung der Radarkontrolle zur Geschwindigkeitsüberwachung (1956 erstmals in Deutschland, ab 1959 im Einsatz). Doch das erste 'Knöllchen' für einen zu schnell fahrenden Automobilisten gab es bedeutend eher. Kurz nach der Erfindung des Autos und der damit einhergehenden langsamen Verbreitung der 'Stinkekarren' machte sich Angst breit. Nicht unter den Fahrern, sondern unter den Bewohnern von Städten und Dörfern. Nicht wenige hielten die pferdelosen Fuhrwerke für 'Teufelszeug' und befürchteten, dass die Motoren im Stillstand explodieren und ihre vier Wände in Brand stecken könnten.
 
Läufer mit roter Fahne vor den Autos
Zudem waren die Autos natürlich deutlich schneller unterwegs als Fußgänger oder Ochsenkarren. Entsprechend gab es recht bald in einigen Ländern, darunter Deutschland und Großbritannien, Gesetze, die jedem Autofahrer vorschrieben, einen Läufer mit roter Fahne vor dem Auto hergehen zu lassen. Auf diese Weise lag die Höchstgeschwindigkeit in Deutschland bei 5 bis 6 km/h und in England bei 2 mph (3,21 km/h). Heute kaum vorstellbar. Polizisten waren dazu aufgerufen, diese Limits streng zu überwachen und taten dies natürlich auch.
 
So kam, was kommen musste. Der Konstrukteur der britischen Autofirma Arnold, Mr Walter Arnold, fuhr 1896 mit einer jüngst fertiggestellten Arnold Benz Motorkutsche - einem Lizenzbau der deutschen Benz-Fahrzeuge - auf Probefahrt durch Paddock Green in Kent und erreichte dabei unfassbare 8 mph (rund 12,87 km/h). Da er ohne Fahnenläufer unterwegs war, wurde diese Ungeheuerlichkeit von einem Polizisten entdeckt, der den Wagen auf seinem Fahrrad verfolgte und stoppte. Er stellte das vermutlich erste Ticket für die Überschreitung der zugelassenen Höchstgeschwindigkeit aus. Immerhin überschritt Mr Arnold diese um das vierfache!

Messtechniken wurden genauer, Knöllchen aber nicht beliebter
Was aus heutiger Sicht komisch anmutet gehörte damals zum Alltag. In Deutschland steht auf einem sehr frühen Knöllchen ungefähr der folgende Text: "Er fuhr so schnell, dass im Rathaus die Vorhänge wehten." Bis sich die Menschen an die höheren Geschwindigkeiten gewöhnt hatten, die durch Autos, Motorräder und Eisenbahnen nun möglich waren, dauerte es ein wenig. Gleichzeitig musste auch die Messtechnik stetig verbessert werden. Anfangs genügte es noch, dass ein Polizist ungefähr schätzte. Später mussten zwei Polizisten mit Stoppuhr eine bestimmte Entfernung messen und aus der benötigten Zeit die Geschwindigkeiten errechnen. Heute sind die Messtechniken deutlich präziser. Doch eines ist geblieben: Knöllchen mag bis heute niemand.
 
Im gleichen Jahr, in dem Walter Arnold sein Ticket erhielt, wurde durch den 'Locomotive Act' der Fahnenläufer überflüssig und das Geschwindigkeitslimit in Großbritannien auf 14 mph (22,5 km/h) heraufgesetzt. Aus Freude darüber veranstalteten die Motoristen und Automobilisten ein 'Emanzipationsrennen' von London nach Brighton. Dieses Rennen für Autos aus der Zeit vor 1905 (dem 'Messingzeitalter' des Automobilbaus) wird bis heute jährlich als 'Veteran Car Run' des Royal Automobile Club wiederholt. Am ersten Rennen nahm übrigens auch ein gewisser Walter Arnold teil.
 
Den 1896er Arnold Benz können Sie sich übrigens vom 1. bis 3. September auf dem Concours of Elegance am Hampton Court Palace südwestlich von London. Dort steht er in der Klasse der 'Veteran Cars' mit Baujahren vor 1905. In anderen Klassen tauchen Fahrzeuge bis hin zum Jaguar XJR-9 auf, der 1988 den Gesamtsieg bei den 24 Stunden von Le Mans errang - übrigens mit einer Höchstgeschwindigkeit von über 240 mph (386 km/h), da wäre wohl kein Polizist mehr mit dem Fahrrad hinterhergekommen. Neben der Ausstellung gibt es eine rollende Parade, an der viele Exponate teilnehmen werden. Mehr Informationen und die Möglichkeit, Karten zu erwerben, gibt es unter www.concoursofelegance.co.uk.

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Quellen: Concours of Elegance (1 Foto), Motoring Picture Library (1 Foto)