Auktion: Abarth 1100 Sport by Ghia bei RM

Geschrieben von Matthias Kierse. Veröffentlicht in Klassiker

- Einzigartiges Ghia-Design am Abarth 1100
- unklar, wer die Karosserie gestaltet hat
- basierend auf einem Abarth-205-Chassis
- rund 75-80 PS starkes Triebwerk von Fiat
- von Privatmann umfangreich restauriert
 


Viertes 205er Chassis mit Technik des Fiat 1100-103
Im Rahmen der Monterey Car Week im August rund um den Pebble Beach Concours d'Elegance in Kalifornien bringt RM Sotheby's diverse interessante Fahrzeuge zur Versteigerung. Darunter befindet sich auch ein einzigartiger Abarth 1100 Sport mit Karosserie von Ghia, der 1953 auf dem Turiner Autosalon debütierte. Als Basis diente das vierte von fünf 205er-Chassis, die Abarth für größere Modelle mit der Technik des Fiat 1100 entwickelte. Gedacht war der 205 als Nachfolger des Cisitalia 204, den Firmengründer Carlo Abarth in seiner Zeit als Rennleiter bei der italienischen Sportwagenmarke aus dem Cisitalia 202 entwickelt hatte. Die ersten beiden Abarth 205 waren reine Rennfahrzeuge, den dritten nutzte der Firmenchef als Privatauto und auf Basis des fünften Chassis entstand ein Spider, der nach einem heftigen Unfall verschrottet wurde.
 
1953 ersetzte Fiat den 1100 durch den 'Nuova 1100', intern 1100-103 genannt. Dies veranlasste auch Carlo Abarth die neue Technik zu verwenden. Allerdings hatte er nur noch ein Chassis des Typs 205 in seiner Werkstatt. Mit der Fahrgestellnummer 205-104 entstand nun ein Auto, das in Abarth-Kreisen irritierenderweise als '103GT' bekannt ist. Für die Karosserie zeichnete der Turiner Fachbetrieb Ghia verantwortlich. Wer genau den Entwurf vorgenommen hat, verliert sich in der Vergangenheit. Man erkennt jedoch sowohl Ideen von Virgil Exner als auch von Giovanni Savonuzzi und Giovanni Michelotti, die damals unter Mario und Gian Paolo Boano bei Ghia arbeiteten.
 
Aus dem Abarth wurde kurz der Vaughan SS Wildcat
Entgegen voriger Fahrzeuge von Abarth diente dieses Fahrzeug nicht als reiner Rennwagen, sondern hauptsächlich als Konzeptfahrzeug, um auf Messen Aufsehen zu erregen. Speziell die Frontpartie mit flügelartigem Profil und zentraler Wölbung im Kühlergrill wirkt ungewöhnlich. Rundum sind die Speichenräder zu gut einem Fünftel von den Radhäusern verdeckt. Versenkte Türgriffe und innen rot beschichtete Auspuffendrohre runden die Optik des knapp geschnittenen, weiß lackierten Coupés ab. Innen trägt der Wagen blaues Leder auf den beiden Sitzchen, die mit heutigen Sport- oder Komfortsitzen nichts gemein haben. Dahinter gibt es eine Gepäckablage mit im Leder integrierten Metallschienen. Hinter dem rechts angeordneten Lenkrad sitzen fünf klassische Rundinstrumente und einige wenige Schalter für die wichtigsten Funktionen.
 
Um den 1,1 Liter großen Vierzylindermotor nebst Nebenaggregaten aus dem neuen Fiat 1100-103 in das alte Chassis zu bekommen, musste dieses an einigen Stellen verändert werden. Zudem kam wohl eine Vorderradaufhängung von Porsche zum Einsatz. Zum genauen Tuning am im Serientrimm lediglich 36 PS starken Triebwerk gibt es keine Angaben. Bei jemandem wie Carlo Abarth darf man jedoch davon ausgehen, dass ihm diese Leistung nicht ausreichte, wodurch auch die in manchen Quellen auftauchenden Werte von 75 bis 80 PS durchaus glaubhaft wirken. Nach der Weltpremiere auf dem Ghia-Stand in Turin verkaufte das Designhaus den Wagen an den kanadischen Autofan William 'Bill' Vaughan (in vielen Quellen fälschlich unter dem Namen 'Vaughn' erwähnt), der unter anderem Fahrzeuge der britischen Marke Singer sowie von Fiat und Peugeot nach Kanada und in die USA importierte und von einer eigenen Autoproduktion träumte. Er präsentierte das unveränderte Fahrzeug 1954 auf der New York Auto Show als 'Vaughan SS Wildcat' und behauptete, das Coupé in Serie fertigen zu wollen - mit dem ersten V8-Motor mit obenliegenden Nockenwellen auf dem US-Markt. Möglicherweise spekulierte er dabei auf das Triebwerk des damals neuen Fiat 8V. Da er während der Messe nie die Motorhaube des Abarth öffnete, darf man davon ausgehen, dass hier immer noch der Fiat-Vierzylinder hauste.
 
Akkurat und penibel privat restauriert
Aus den vollmundigen Ankündigungen wurde nichts. Stattdessen verlor sich die Spur des einzigartigen Showcars, bis es 1982 in den USA in einer Scheune in Ashton/Maryland wieder auftauchte. Offenbar wurde das Fahrzeug in den späten 50er Jahren als Alltagsauto genutzt, zumindest gab es einen Parksticker im hinteren Seitenfenster: "Litton Industries Maryland Division 1958". Die beiden Entdecker Russ Baer und Pat Braden verkauften den Wagen weiter. Nach nur kurzer Besitzzeit wechselte der Wagen in die Hände von Norbert Joseph McNamara, einem ehemaligen Colonel der US Army, der im Ruhestand vornehmlich italienische Autos sammelte und restaurierte. Nach seinem Tod im Jahr 2010 gelangte der Abarth zu seinem heutigen kanadischen Besitzer, Greg Kinzel, der die angefangene Restauration in Eigenregie zu ende führte.
 
Dass er dabei mit äußerster Akkuratesse zu Werke ging und auch kleinste Details wieder in den Originalzustand zurückversetzte, wurde ihm beim Pebble Beach Concours d'Elegance 2015 unzweifelhaft bescheinigt. Hier gewann der Abarth 1100 Sport by Ghia problemfrei seine Klasse und wurde für den Gesamtpreis 'Best of Show' nominiert, den in Pebble Beach eigentlich eher Vorkriegsautos mit Sonderkarosserien abräumen. Der aktuelle Besitzer trug zudem intensiv Teile der Fahrzeuggeschichte in Form von Zeitungsartikeln und Fotos zusammen, die nun ebenfalls als Teil der Auktion an den Höchstbietenden übergeben werden.
 
Die RM Sotheby's Versteigerung findet am 18. und 19. August in Monterey statt. An welchem der beiden Tage der Abarth aufgerufen wird steht aktuell noch nicht fest. Noch gibt es keinen vollständigen Auktionskatalog, sondern nur eine Vorschau. Da der Wagen ohne Mindestgebot angeboten wird, wechselt er im Rahmen dieser Veranstaltung definitiv den Besitzer. Zum erwarteten Zuschlagspreis machte das Auktionshaus noch keine Angaben, man darf jedoch von sieben Stellen vor dem Komma ausgehen.

Zur Auktionsbeschreibung für den Abarth 1100 Sport by Ghia geht es hier: http://www.rmsothebys.com/mo17/monterey/lots/1953-abarth-1100-sport-by-ghia/1702551
Um einen Blick auf die bislang für Monterey angekündigten Lots in der RM Sotheby's Auktion zu werfen, klicken Sie hier: http://www.rmsothebys.com/lots/?salecode=MO17&sort=make

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Quelle: RM Sotheby's, Angus McKenzie (14 Fotos)