60 Jahre Mercedes-Benz 300 SL Roadster

Geschrieben von Matthias Kierse. Veröffentlicht in Klassiker

- Premiere fand auf Genfer Salon 1957 statt
- vorher bereits in amerikanischem Magazin
- offene Version des legendären Flügeltürers
- US-Kunden wünschten sich den Roadster
- insgesamt 1.858 Exemplare in ca 6 Jahren
 


Im März 1957 debütierte auf dem Autosalon in Genf die Roadster-Variante des Mercedes-Benz 300 SL. Letzterer ist unter Autofans bis heute vor allem für seine Flügeltüren bekannt und basiert auf dem 1952 im GT-Rennsport eingesetzten Prototypen. Nach eindringlichen Forderungen des US-amerikanischen Importeurs Max Hoffman erfolgte die Entwicklung zur Serienversion, die vor allem größere Türen für einen leichteren Einstieg erhielt. Allerdings waren die Schweller durch den darunterliegenden Gitterrohrrahmen immer noch sehr breit. Zwischen 1954 und 1957 entstanden vom Flügeltüren-Coupé rund 1.400 Exemplare, von denen etwa 800 nach Nordamerika gingen.

Ideen aus den USA führen zum offenen Zweisitzer
Auch die Impulse für den 300 SL Roadster stammten wieder aus den USA, wo gerade in Florida und Kalifornien offene Zweisitzer große Beliebtheit genießen. Bereits 1954, zum Produktionsstart des Coupés, beginnen erste Vorarbeiten für den Roadster inklusive dem Bau der ersten drei Prototypen. Im Juli 1955 erhält der Zweisitzer grünes Licht für die Fertigung durch den Mercedes-Benz-Vorstand. Da die nach oben öffnenden Flügeltüren beim Roadster konzeptbedingt nicht möglich sind, musste das Rohrrahmen-Skelett für die offene Version umfangreich umgestaltet werden. Man senkte die Schweller ab und vergrößerte den Einstiegsbereich, um klassische Türen montieren zu können. Gleichzeitig blieb die hohe Torsionssteifigkeit erhalten. Auch am Heck kommen Modifikationen am Rahmen zum Tragen um eine Eingelenk-Pendelachse mit Ausgleichsfeder verbauen zu können und damit den sportlichen Fahrkomfort zu verstärken.

Immerhin galt der Roadster weniger als reinrassiger Sportwagen als vielmehr als sportliches Reisefahrzeug für zwei Personen. Hierfür vergrößerte man auch den Kofferraum. Trotz der Veränderungen blieb die Grundform von Front und Heck eng am bekannten Design des Coupés. Vorn kommen allerdings senkrecht stehende Leuchteinheiten anstelle der Rundscheinwerfer zum Einsatz, die unter einem gemeinsamen Deckglas den Scheinwerfer, die Blinker und die Nebelscheinwerfer vereinen. Über den Köpfen der Passagiere zeigt sich wahlweise der freie Himmel, ein Stoffverdeck, das geöffnet unter einem Blechdeckel verschwindet oder ab 1958 ein Werkshardtop mit angedeuteter Panorama-Scheibe hinten. Gegenüber dem Coupé stieg das Grundgewicht um rund 120 Kilogramm an.
 
Eher sportlicher Tourer als Supersportwagen
Dass die Fahrwerksmodifikationen griffen wird in einem Versuchsbericht von Ingenieur Erich Waxenberger deutlich: "Der 300 SL Roadster mit Eingelenk-Hinterachse und Ausgleichsfederung hat mit Sportfedern und -dämpfern eine wesentlich bessere Straßenlage als das 300 SL Coupé mit Zweigelenk-Hinterachse. Die starke Übersteuerungstendenz ist in eine leichte Untersteuerung geändert worden, so dass man dieses Fahrzeug innerhalb kurzer Zeit mit Sicherheit bis an die Grenzen fahren kann. Nach Angaben von Herrn Uhlenhaut und Herrn Kling liegt der 300 SL Roadster bezüglich Straßenlage zwischen dem Grand-Prix-Rennwagen und dem 300 SLR." Ab 1961 erhielt der Wagen zudem serienmäßig Scheibenbremsen rundum.
 
Bereits im Oktober 1956 erhalten Leser des Magazins 'Colliers Magazine' erste Eindrücke des neuen Roadsters, da Mercedes-Benz dem Topfotografen David Douglas Duncan ein Vorserienfahrzeug zur Verfügung stellte, das dieser unter anderem am Stilfser Joch und am Mercedes-Stammwerk in Sindelfingen in Szene setzte, um eine möglichst hohe Werbewirkung zu erreichen. Der Coup gelang. Dennoch mussten Sportwagenfans noch bis zur Messe in Genf im Folgejahr warten. Unter der Haube blieb es beim drei Liter großen Reihensechszylindermotor mit mechanischer Benzindirekteinspritzung und 158 kW/215 PS. Ab Frühjahr 1962 erhielt dieser einen rund 44 Kilogramm leichteren Zylinderkopf aus Aluminium. Je nach Kundenwunsch sind verschiedene Getriebeabstimmungen lieferbar. Mit der längstmöglichen Übersetzung erreichte ein offener Roadster bei Tests 1958 auf der Autobahn zwischen Ingolstadt und München 242,5 km/h - allerdings mit abgedecktem Beifahrersitz und Rennscheibe.

Auch im Motorsport erfolgreich unterwegs
Obwohl der 300 SL Roadster mehr für den Gentleman zum schnellen Reisen gedacht war, setzten einige Besitzer ihre Fahrzeuge im Motorsport ein. Auch das Werk selbst ließ 1957 zwei Exemplare als 300 SLS für die nordamerikanische Sportwagenmeisterschaft aufbauen. Diese unterschieden sich durch den Entfall von Stoßstangen und Windschutzscheibe sowie den Einbau von Scheinwerferabdeckungen und Leichtbauteilen von der Serie, deren Leergewicht sie um rund 337 Kilogramm unterboten. Rund um das Cockpit sowie über dem Beifahrersitz verlief eine neue Abdeckung inklusive kleiner Scheibe vor dem Fahrer, während hinter diesem ein Überrollbügel für die nötige Sicherheit beim Überschlag sorgen sollte. Zudem erhielt der 300 SLS ein Triebwerk mit einer Leistungssteigerung auf 173 kW/235 PS und auf der rechten Fahrzeugseite vor der Tür ins Freie mündenden Auspuffrohren. Mit Paul O'Shea hinter dem Steuer holte der Wagen den Meistertitel - zum dritten Mal in Folge, da O'Shea zuvor zwei Jahre lang mit dem 300 SL Coupé siegreich unterwegs war.

Nachdem am 8. Februar 1963 das letzte von insgesamt 1.858 Exemplaren des 300 SL Roadster die Produktion in Sindelfingen verlassen hat, begann erst einmal der Abstieg zu einem gewöhnlichen Gebrauchtfahrzeug, den viele Sport- und Luxusfahrzeuge der 1950er und 60er Jahre durchlaufen mussten. Eine Klassikerszene gab es zwar bereits, aber diese akzeptierte lange Zeit nur Vorkriegsautos als 'wahre Oldtimer'. Erst nach und nach entwickelten sich das 300 SL Coupé und auch der Roadster zu gesuchten Klassikern und damit zu teuren Sammlerstücken. Gut erhaltene oder toprestaurierte Autos erzielen nicht selten Verkaufspreise im siebenstelligen Bereich.

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Quelle: Mercedes-Benz