Auktion: Ferrari 166 MM/212 Export Uovo Fontana

Geschrieben von Matthias Kierse am . Veröffentlicht in Klassiker

- Einzigartiger Ferrari der 1950er in Eier-Form
- mit Karosserieaufbau von Fontana in Padua
- umfangreiche Motorsporthistorie vorhanden
- mehrfache Teilnahmen bei der Mille Miglia
- Versteigerung bei RM Sotheby's in Monterey
 


Im Rahmen der Monterey Car Week bringt RM Sotheby's am 18. August einen ganz besonderen Ferrari unter den Hammer. Er entstand für eine adlige italienische Familie, die in der Anfangszeit der Sportwagenmarke zu den wichtigsten Kunden der Marke gehörte: Die Marzottos. Sie genossen hohen Wohlstand durch eine lange Tradition im Textilgeschäft und kauften diverse Ferrari-Modelle. Die vier Brüder Vittorio, Giannino, Paolo und Umberto fuhren zudem motorsportliche Erfolge ein. Graf Giannino gewann beispielsweise zweimal die Mille Miglia, kam jedoch nie richtig mit Enzo Ferrari zurecht. Dieser schrieb jedoch in seinem Buch 'Piloti, Che Gente', dass der Graf ein großartiger Profirennfahrer gewesen sei, möglicherweise ein verhinderter Weltmeister.

1950er Ferrari 166 MM mit klassischer Barchetta-Karosserie
Unter den mehr als 20 Ferrari, die die Familie Marzotto jemals besaß, steht einer besonders hervor. Am 2. Februar 1950 vervollständigte das Werk Chassisnummer 024MB mit einer klassischen Barchetta-Karosserie. Umberto nutzte den Wagen bei der Targa Florio im gleichen Jahr, wo er mit einem Kupplungsproblem ausrollte. Anschließend startete er gemeinsam mit Beifahrer Franco Cristaldi bei der Mille Miglia, wo sie schwer verunfallten. Der Wagen ging zur Reparatur zurück zu Ferrari nach Maranello. Um im Folgejahr bessere Rennergebnisse zu ermöglichen, gab Giannino Marzotto eine neu gestaltete Karosserie in Auftrag. Anstelle der typischen Karosseriebauer wie Pininfarina, Zagato oder Touring vergab er den Auftrag an Fontana in Padua und den dort arbeiteten Skulpteur Franco Reggiani.
 
Das finale Ergebnis erhielt aufgrund der außergewöhnlichen Form den Spitznamen 'Uovo', was im italienischen für 'Ei' steht. Reggiani nahm Formen der damals neu aufkommenden Düsenflugzeuge auf und brachte diese über einem Zusatzrahmen in die richtigen Rundungen um ein Gesamtwerk zu erzeugen. Dabei erzielte er nicht nur eine gute Aerodynamik, sondern zudem auch eine Gewichtsersparnis um rund 150 Kilogramm im Vergleich zu normalen Ferrari dieser Zeit. Um im Cockpit möglichst viel Platz zu erzeugen und eine möglichst blendfreie Aussicht zu gewährleisten verbaute man eine fast senkrecht stehende Windschutzscheibe aus Kristallglas.

Komplettumbau mit technischem Upgrade
Auch technisch erhielt der Wagen Upgrades. Neben einem 156 Liter großen Benzintank erhielt der Wagen neue doppelte Stoßdämpfer rundum, einen Bremskraftverstärker für die verbauten Formel-2-Bremsen und einen Kühler aus dem Monoposto-Bau, um die Frontpartie im Vergleich zum Serienauto um rund 15 Zentimeter abzusenken. Hinzu kam das Triebwerk aus dem 212 Export, um mehr Leistung bereitzustellen. Die Sitze wurden soweit wie möglich nach hinten verlegt, was auf einem Einlass von Enzo Ferrari persönlich beruhte. Dieser meinte, dass man dadurch die Bewegungen der Hinterräder am besten spüre - allerdings führte es auch zu reichlich Übersteuern.
 
Sein Renndebüt gab der Uovo in unlackierter Aluminium-Karosserie beim Giro di Sicilia 1951. Er führte mit fast 20 Kilometern Vorsprung, als ein gebrochener O-Ring im Differenzial für einen Ausfall sorgte. Anschließend zeigen Fotos aus der Zeit den Wagen vor dem Start der Mille Miglia in Brescia, wo er aufgrund seiner ungewöhnlichen Form zum Publikumsliebling avancierte. Während des Rennens konnte Giannino Marzotto auf den Geraden selbst mit den deutlich größeren Werks-Ferrari mithalten, hatte aber aufgrund des deutlich leichteren Uovo ein besseres Handling in den Kurven. Allerdings hielten die Reifen sein hohes Tempo nicht aus und führten schließlich zum Ausfall.

Umfangreiche Motorsporthistorie in Italien und USA
Beim dritten Renneinsatz im Rahmen des Giro della Toscana errangen Giannino Marzotto und Marco Crosara einen Gesamtsieg. Giannino zog sich nach der Saison aus dem Familienunternehmen zunehmend zurück und schraubte auch die Anzahl seiner Renneinsätze für 1952 auf zwei zurück. Dafür gründete er den Rennstall Scuderia Marzotto und verlieh seine Ferrari an Freunde, die damit bei Rennen an den Start gingen. So fuhren Guido Mancini und Adriano Ercolani den Uovo bei der Mille Miglia, wo er gut innerhalb der Top Ten unterwegs war als erneut der Defektteufel zuschlug. Dafür errang er einen Gesamtsieg beim Bergrennen Trento-Bondone mit Giulio Cabianca am Steuer. Es folgten ein Klassensieg nebst Gesamtrang vier bei der Coppa della Toscana und ein vierter Rang beim Avus-Rennen im September 1952.
 
In der Winterpause 1952 auf '53 ging der Wagen zurück ins Werk, um technisch komplett überholt zu werden. Ziel dabei war eine gute Vorbereitung für die Mille Miglia, wo Giannino Marzotto letztlich jedoch lieber mit einem nagelneuen 340 MM Spider antrat und gewann. Der Uovo ging dafür später im Jahr nach Mexiko, wo die Marzotto-Brüder an der Carrera Panamericana teilnehmen wollten. Sie nahmen zwar am Training teil, reisten jedoch vor dem Rennen ab und ließen den Uovo zurück. Es folgten einige Besitzer in Kalifornien, die den Wagen unter anderem bei Clubrennen einsetzten.

Einige Besitzer in den USA, restauriert zur Mille Miglia 1986
1964 begann Mr Harvey M. Schaub in Sun Valley/Kalifornien mit der Restaurierung des 166 MM/212 Export Uovo, konnte diese jedoch vor seinem Tod nicht mehr fertigstellen. Seine Witwe verkaufte den Wagen 1982 an den Ferrari-Experten und -Historiker Ed Niles, der ihn an den Sammler Jack du Gan weiterverkaufte. Er schickte das Fahrzeug von seinem Heim in Florida nach Großbritannien, um die Jahrzehnte zuvor begonnene Restaurierung pünktlich vor der 1986er Ausgabe der Mille Miglia zu beenden. Dort nahm der Wagen 35 Jahre nach dem Ersteinsatz ebenso teil, wie ein Jahr später. Anschließend verkaufte du Gan den Uovo an seinen heutigen Besitzer.

Dieser holte das Auto endgültig zurück nach Italien und behielt es für volle 30 Jahre. Bei Events wie der Mille Miglia oder der 50-Jahr-Feier von Ferrari in Maranello tauchte der Uovo ebenso auf, wie 2013 bei der 'Atto Unico' an der Villa Trissino Marzotto, wo nochmals fast alle Autos aus dem ehemaligen Besitz der Brüder Marzotto zusammenkamen. Ein Jahr später stand der Wagen für einige Zeit im Museo Enzo Ferrari. Ansonsten zeigte der Besitzer das Ei lediglich eingeladenen Gästen in seiner Privatsammlung.
 
Bei RM Sotheby's kommt dieser einzigartige Ferrari 166 MM/212 Export nun unter den Hammer. Zum Fahrzeug gehören dabei neben einer Vielzahl von Fotos auch Dokumente und Zeitungsartikel aus der Motorsportvergangenheit sowie Rechnungen und Briefwechsel aus der gesamten Historie des Uovo. Selbst das hölzerne Modell, das Franco Reggiani von der Karosserie anfertigte, wird dem Wagen beigelegt. In Monterey erwartet RM Sotheby's einen Zuschlagspreis im Bereich zwischen 5.000.000,- und 7.000.000,- US$ (rund 4.232.000,- bis 5.924.675,- €).

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Quelle: RM Sotheby's, Remi Dargegen (13 Fotos), Chuck Fawcett (1 Foto)