Auktion: Jaguar XJ220 bei RM Sotheby's

Geschrieben von Matthias Kierse am . Veröffentlicht in Klassiker

- Entwickelt aus einem Le-Mans-Rennwagen
- geplant mit V12-Saugmotor aus dem XJR-9
- gebaut mit V6 vom Metro 6R4 plus Turbos
- zeitweise das weltschnellste Serienfahrzeug
- Erstbesitzauto bei RM Sotheby's in Monterey
 
 
Sportwagen aus dem Saturday Club
In den 1980er Jahren sorgte in der Sportwagen-Weltmeisterschaft international die Gruppe C für Furore. Diverse Privat- und Werksteams setzten extrem leistungsstarke Prototypen nach den Reglements C1 und C2 ein. Speziell die höhere Kategorie erhielt hohen Zulauf der Fans, die den engen Kampf der Konzepte liebten. Unter anderem trat hier auch Jaguar unter der Flagge des Teams von Tom Walkinshaw Racing (TWR) an. Besonders erfolgreich war man 1988, als man mit dem V12-befeuerten XJR-9 das 24-Stunden-Rennen von Le Mans gewinnen konnte. Zeitgleich traf sich in der Entwicklungsabteilung von Jaguar der geheime 'Saturday Club' rund um Chefingenieur Jim Randle. Nach Feierabend tüftelten sie an einem Supersportwagen, mit dem man gegen den Porsche 959 und den Ferrari F40 bestehen könnte. Man griff auf die Basis des Gruppe-C-Renners zurück und präsentierte nachdem man die Chefetage von Jaguar eingeweiht hatte 1988 auf der Birmingham Motor Show einen ersten Prototypen. Dieser erhielt den 6,2 Liter großen V12-Saugmotor des Rennwagens und einen von FF Developments beigesteuerten Allradantrieb. Als Namen wählte man eine Kombination aus dem berühmten Kürzel 'XJ' und der angestrebten Höchstgeschwindigkeit in Meilen pro Stunde: 220 (rund 354 km/h).

1.500 Vorbestellungen für V12, Enttäuschung durch V6-Biturbo
Natürlich weckte ein solches Sportwagenprojekt schnell Begehrlichkeiten, auch und obwohl es zu dieser Zeit gerade eine Finanzkrise gab. Jaguar versprach 1989 einen Verkaufspreis von rund 413.000,- GBP, was rund einer Million DM entsprach und eine Stückzahl von lediglich 350 Exemplaren. Schnell erreichten die Briten über 1.500 Vorbestellungen mit Anzahlungen von jeweils 50.000,- GBP. Gemeinsam mit TWR gründete man die neue Untermarke JaguarSport, die sich um Entwicklung, Produktion und Vertrieb des XJ220 kümmern sollte. Während der Entwicklungszeit stellte man dort das Konzept jedoch grundlegend um, speziell aufgrund dessen, dass Jaguar vom Ford-Konzern aufgekauft wurde und man Geld einsparen sollte. Neben einem verkürzten Radstand entschied man sich zum Wegfall des aufwändigen Allradsystems. Den größten Unterschied machten die Vorbesteller jedoch unter der Motorhaube aus. Anstelle des V12-Triebwerks mit Rennsportgenen werkelte im Serienauto schließlich ein V6-Motor mit doppelter Turboaufladung, der in seinen Grundzügen aus dem eher erfolglosen MG Metro 6R4 der Rallye-Gruppe-B-Ära stammte. TWR hatte diesen Antrieb einst von Rover eingekauft, weiterentwickelt und nun um die Turbolader ergänzt, um auf die gewünschte Leistung zu kommen. Er fand sich auch in den Rennwagen XJR-10 und XJR-11. Gegenüber der ursprünglichen Studie konnte man auf diese Weise einiges an Gewicht einsparen, diverse Interessenten sprangen indes enttäuscht ab und verlangten zum Teil ihre Anzahlung zurück. Sie hatten sich einen V12-Sportwagen von Jaguar gewünscht und sahen in dem V6-Turbo nun einen Vertragsbruch.

Zeitweise das schnellste Serienauto der Welt
Im Vergleich zu Mitbewerbern im Feld der damaligen Supersportwagen erhielt der neue Jaguar XJ220 eine reichhaltige Serienausstattung inklusive Lederpolstern und Klimaanlage. JaguarSport errichtete derweil eine neue Produktionshalle in Bloxham, um die Fertigung des Wagens wie geplant ab Anfang 1992 starten zu können. Sie startete schließlich mit leichter Verspätung im Sommer 1992 und endete 1994. Derweil drehten insgesamt sieben Prototypen weltweit ihre Erprobungsrunden. Einer davon erreichte mit Andy Wallace am Steuer auf der Teststrecke von Reifenhersteller Firestone in Fort Stockton/Texas eine Höchstgeschwindigkeit von 341,6 km/h (212,3 mph). Diesen Wert überschritten auch die späteren Serienfahrzeuge nicht. Einzig ein anderer Prototyp ohne Katalysator und mit angehobenem Drehzahlbegrenzer verbesserte den Wert noch auf 349,4 km/h (217,1 mph) auf dem Testkurs von Nardo in Italien. Damit war der XJ220 zwar seiner Bezeichnung nicht ganz gerecht geworden, wurde aber vom Guinness Buch der Rekorde einige Jahre lang als schnellstes Serienauto der Welt anerkannt. Mit drei Rennfahrzeugen vom Typ XJ220 C rollte Jaguar 1993 im Feld der GT1-Klasse beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans mit und gewann die Kategorie - eigentlich, denn anschließend erfolgte eine Disqualifikation wegen fehlender Katalysatoren, die jedoch auch bei anderen, nicht disqualifizierten Konkurrenten fehlten. Es blieb der einzige größere Motorsportauftritt des XJ220, obwohl TWR eine deutlich leistungsstärkere Variante namens XJ220 S entwickelte und in einer limitierten Auflage von sechs Exemplaren sogar auf die Straße brachte.

Wenig gelaufenes Fahrzeug bei RM Sotheby's in Monterey
Insgesamt entstanden bei JaguarSport 283 Chassis, von denen jedoch drei wohl niemals vervollständigt wurden. Für die Karosserie standen die Lackfarben 'Spa Silver', 'Le Mans Blue', 'Daytona Black', 'Silverstone Green' und 'Monza Red' zur Auswahl. Sonderlackierungen gab es ab Werk nur für einen Kunden: Prinz Jeffrey von Brunei, den autosammelnden Bruder des dortigen Sultans. Dieser ließ auch mindestens zwei Exemplare des XJ220 bei Pininfarina mit neuen Karosserien versehen. In den Garagen von Brunei standen zu Spitzenzeiten bis zu 18 Stück des britischen Supersportwagens. Weitere berühmte Besitzer umfassten den Formel-1-Teamchef Flavio Briatore und den Sänger Sir Elton John. In den USA kommt nun im Rahmen der Monterey Car Week bei RM Sotheby's ein roter XJ220 aus Erstbesitz zur Versteigerung, der erst knapp 3.400 Kilometer gelaufen hat. Er zählt zu den wenigen Exemplaren, die in den USA offiziell zulassungsfähig gemacht wurden. RM Sotheby's erwartet am 18. August einen Zuschlagspreis im Bereich zwischen 350.000,- und 450.000,- US$ (rund 296.400,- bis 381.000,- €). UPDATE: Der Höchstbietende erhielt bei 418.000,- US$ (rund 353.840,- €) den Zuschlag für diesen Jaguar XJ220.
 
Technische Daten
Motor V6-Biturbomotor
Hubraum 3.498 ccm
Leistung 404 kW/549 PS
Drehmoment 642 Newtonmeter
0-100 km/h 3,8 Sekunden
Vmax 342 km/h
Leergewicht 1.470 kg
Länge 4.930 mm
Breite 2.220 mm
Höhe 1.140 mm
Radstand 2.640 mm

Den Auktionstext von RM Sotheby's zum Jaguar XJ220 finden Sie hier: http://rmsothebys.com/mo17/monterey/lots/1993-jaguar-xj220/1703728
Und den kompletten Auktionskatalog zur Veranstaltung in Monterey gibt es hier: http://rmsothebys.com/lots/?salecode=MO17&sort=lot

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Quelle: RM Sotheby's