Mahindra kauft Designhaus Pininfarina

Geschrieben von Kay Andresen am . Veröffentlicht in News

- Traditions-Designhaus vor Pleite gerettet
- indisches Großunternehmen übernimmt
- Mahindra bislang für Offroader bekannt
- möglicherweise keine Externaufträge mehr
- restliches Viertel der Anteile soll folgen



Berühmten italienischen Namen des Autodesigns geht finanziell mehr und mehr die Luft aus. Nach der Insolvenz von Bertone im Frühjahr 2014 hätte es jetzt fast auch die wohl berühmteste Designschmiede der Welt, Pininfarina, erwischt. Kurz bevor dem Unternehmen die Pleite drohte, sicherte sich Anfang Dezember 2015 der indische Fahrzeug- und Maschinenkonzern Mahindra für 33 Millionen Euro drei Viertel der Anteile. Eine komplette Übernahme des Unternehmens ist in der kommenden Zeit geplant.

Hervorgegangen war das italienische Traditionsunternehmen aus einer Karosserie-Schmiede, die der Piemonteser Batista Farina 1930 gegründet hatte. Geboren als zehntes von elf Kindern und von kleiner Statur trug er Zeit seines Lebens den Spitznamen "Pinin", italienisch für "der Kleine". 1961, fünf Jahre vor seinem Tod, erhielt Batista vom italienischen Staatspräsidenten die Erlaubnis, seinen Nachnamen in "Pininfarina", wie schon sein Unternehmen hieß, zu ändern.

Sein Sohn Sergio Pininfarina baute das Unternehmen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem der bekanntesten Namen im internationalen Automobildesign aus. Aus der Feder Pininfarinas stammen automobile Ikonen wie der Ferrari 410 Superamerica von 1955, der Dino 206 von 1965 oder der Ferrari Testarossa von 1984. Insgesamt zeichnete die Designschmiede für mehr als 40 verschiedene Modelle aus Maranello verantwortlich und entwickelte sich im Laufe der Historie von Ferrari zu deren Hausdesigner. Neben Ferrari bediente Pininfarina auch Großserienhersteller wie Fiat, Lancia oder Peugeot mit klassisch schönen Designs. Als Beispiele seien der Fiat 2300 als Limousine und Coupé aus den 60er Jahren, diverse Lancia-Modelle oder auch die Peugeot 404 und 504 Coupé- und Cabrio-Modelle genannt. Für Cadillac zeichneten die Italiener das Topmodell Allanté - gedacht als Konkurrent zum Mercedes-Benz SL - dessen Karosserie auch bei Pininfarina gebaut wurde und dann in einer einmalig aufwändigen Luftbrücke nach Detroit zur Endmontage geflogen wurde. Ebenso unvergessen ist der Rolls-Royce Camargue von 1975, damals das teuerste Serienfahrzeug der Welt.

Schon vor der Jahrtausendwende gingen die großen Hersteller mehr und mehr dazu über, selbst talentierte Designer zu beschäftigen und die Formgebung der Fahrzeuge im eigenen Haus zu entwickeln. Dazu kam die immer komplexere Fahrzeugentwicklung, die das Design mehr und mehr zu einem Baustein innerhalb der Gesamtkonzeption werden ließ, der vielen besonders sicherheitstechnischen und auch finanziellen Vorgaben unterworfen wurde. Darüber hinaus wurde es den Herstellern durch die Plattformstrategie möglich, auch kleinere Serien wirtschaftlich herzustellen.

Diese Entwicklung bedrohte die Designstudios, die im Laufe der Zeit auch zu Herstellern von Kleinserien gewachsen waren, in ihrer Existenz. Pininfarinas letzter großer Entwurf für die Marke mit dem "Cavallino Rampante" war der Enzo Ferrari, der auf der Mondial de l'Automobile in Paris des Jahres 2002 sowohl auf dem Ferrari-Stand wie auch bei Pininfarina debütierte. Danach übernahm auch in Maranello das hauseigene Centro Stile die Verantwortung für das Design der Marke und zeigt damit das Dilemma, in dem sich neben Pininfarina auch alle anderen Designer zu dieser Zeit befanden. Ein allerletztes Aufflammen der alten Partnerschaft gab es mit dem auf sechs Exemplare limitierten Ferrari Sergio.

Mahindra dagegen dürfte hierzulande bei den meisten Menschen in erster Linie als Produzent einer etwas altertümlichen Lizenzvariante des amerikanischen Willys Jeep CJ von 1947 bekannt sein, die mit französischen Dieselmotoren bestückt eine Zeit lang auch auf dem deutschen Markt erhältlich war. Mit 11.000 Beschäftigten produzieren die Inder heute an acht Standorten auf dem Subkontinent eine ganze Reihe verschiedener Geländewagen, Pickups und SUVs sowie Traktoren und landwirtschaftliche Maschinen. Eines der neuesten Modelle, der Mahindra XUV 500, ist seit knapp einem Jahr über einen italienischen Importeur zu einem Kampfpreis von knapp 19.000,- Euro für den Fronttriebler und 22.000,- Euro für die Allradvariante auch innerhalb der EU lieferbar. Beide Versionen verfügen über einen 2,2 Liter großen, 104 kW/140 PS leistenden Dieselmotor und sind laut Urteil des renommierten Fachmagazins "Auto, Motor und Sport" technisch auf der Höhe der Zeit.
 
Offensichtlich plant Mahindra zukünftig größeres Engagement auf dem Personenwagen-Sektor. Schon 2011 legte sich das Unternehmen 70 Prozent der Anteile des viertgrößten südkoreanischen Autoherstellers SsangYong zu, dem damals ebenso wie jetzt Pininfarina die Insolvenz drohte. Auch die Motorradsparte von Peugeot gehört inzwischen den Indern. Einen gewissen Bekanntheitsgrad dürfte Mahindra in Motorsportkreisen auch als Teilnehmer der elektrischen Formel-E-Weltmeisterschaft mit Nick Heidfeld und Bruno Senna im Team genießen.

Mahindra hat jetzt mit der Übernahme der italienischen Designschmiede zwar vordergründig den Untergang von Pininfarina verhindert, es muss aber leider befürchtet werden, dass die Zeit als eigenständig arbeitendes Unternehmen mit der Übernahme dem Ende entgegengeht. Nachdem Ghia bereits 1970 im amerikanischen Ford-Konzern aufging und im Laufe der Zeit zu einer Ausstattungsvariante innerhalb der Modellpalette verkümmerte und ItalDesign Giugiaro 40 Jahre später im Volkswagen-Konzern bis auf die Degradierung zur Modellvariante ein ähnliches Schicksal traf, steht in Zukunft bei Pininfarina wohl auch eher die Zuarbeit zum Mutterkonzern auf dem Tagesprogramm, denn die Entwicklung zeitlos schöner Fahrzeuge für andere Auftraggeber.

Denn ein Problem zeigt sich ganz offensichtlich in der neuen Situation der Italiener. Auch wenn das Designstudio ein auf dem Papier eigenständiges Unternehmen bleiben wird, die bisherige Eigentümerfamilie 1,2 Prozent der Anteile behält, während Mahindra die Schulden von 110 Millionen Euro übernimmt, und Paolo Pininfarina, Sohn von Sergio und damit ebenfalls Enkel des Firmengründers Battista, Präsident bleibt: Im Hintergrund steht mit Mahindra einer der Großen im internationalen Automobilgeschäft, der erhebliche Expansionspläne besonders im PKW-Bereich betreibt.

Durch die bereits angesprochenen, immer komplexeren Arbeitsumfänge bei der Entwicklung neuer Fahrzeuge und die immer frühere Einbindung der Designer würde jeder externe Auftraggeber über Pininfarina dem Konkurrenten Mahindra Einblicke in die eigenen Entwicklungen gewähren, auch wenn noch so deutlich die Unabhängigkeit der Italiener beschworen wird. Es verbleibt immerhin eine zarte Hoffnung, dass Pininfarina in Zukunft innerhalb des indischen Mutterkonzerns die eine oder andere Designduftmarke setzen und vielleicht mit ein paar sehenswerten Studien auf sich aufmerksam machen kann.

Quelle: Mahindra und Pininfarina
Fotos: Mahindra und Matthias Kierse