Fahrbericht: Lada 4x4 Urban

Geschrieben von Matthias Kierse am . Veröffentlicht in News

- Der 4x4 Urban kann mehr als nur Straße
- Vollausstattung heißt hier nicht Luxus
- während der Fahrt erlebt man Zeitreisen
- Lifestyle-Modell mit 70er-Jahre-Touch
- großer Fahrspaß, wenn man Klassiker mag


Direkt vorweg: Ich bin ein Kind der 1980er Jahre, war also noch nicht einmal in Planung, als Lada den Offroader Niva projektierte und schließlich ins Modellprogramm aufgenommen hat. Anders ausgedrückt: Als ich geboren wurde hätten andere Hersteller solch ein Modell längst durch den Nachfolger ersetzt, mindestens aber eine umfangreiche Modellpflege durchgezogen. Diese bekam der Lada Niva auch - 1995, also nach 19 Jahren Produktionszeit. Damals wurden die einst waagerechten Rückleuchten senkrecht gestellt, um die Heckklappe vergrößern und dabei die Ladekante absenken zu können. Zudem wurde das Interieur ein wenig entrümpelt und im Rahmen der Möglichkeiten aufgehübscht - das Lenkrad erhielt beispielsweise einen Pralltopf ohne darunter liegenden Airbag. Durch eine gescheiterte Zusammenarbeit mit dem GM-Konzern verlor Lada in den 2000er Jahren die Namensrechte am "Niva" und bietet das Modell seither als 4x4 oder Taiga an.

Ein Sprung in die Jetztzeit und wir stehen vor'm neuen Lada 4x4 Urban, über den wir hier bei carsdaily.de bereits berichteten. Nachdem beim letzten Mal nur ein kurzer Fahreindruck möglich war, konnten wir diesmal etwas länger seine Qualitäten ausloten. Dazu erhielten wir einen Schlüsselbund mit zwei verschiedenen Schlüsseln und einem kleinen Plastikteil - ältere Leser ahnen bereits wofür. Den Jüngeren erklären wir es an dieser Stelle gern: Der erste Schlüssel öffnet die Türschlösser - einzeln, eine Zentralverriegelung gibt es selbst im vollausgestatteten Urban nicht ab Werk. Mit dem zweiten Schlüssel startet man den Motor mittels des links an der Lenksäule untergebrachten Zündschlosses - auch den heute so modernen Start-Stopp-Knopf gibt es weder für Geld noch für gute Worte. Allerdings muss zwischen dem Aufschließen und dem Motorstart noch ein Vorgang vollbracht werden, den Importfahrzeugkunden wohl noch aus den 90ern kennen: Der kleine Plastiknippel am Schlüsselbund muss an eine Empfangseinheit am Armaturenbrett gehalten werden, bis es piept und die Wegfahrsperre ausgeschaltet ist, ansonsten rührt sich der Wagen keinen Meter weit.

Da waren wir also, mitten in der Zeitreise in vergangene Jahrzehnte, die sich uns eigentlich schon beim Blick in den Innenraum und spätestens nach dem Schließen der Tür eröffnet hatte. Letztere nimmt nämlich direkt engen Kontakt zum Ellenbogen auf und kuschelt sich während der Fahrt regelrecht an - so kann man zumindest in dieser Richtung schonmal nicht aus dem Gestühl fallen. Denn obwohl der Lada 4x4 ein ausgemachter Offroad-Spezialist ist, bieten die Seriensitze leider nur sehr wenig Seitenhalt, was bereits auf kurvigen Landstraßen auffällt. Eine Fahrt ins wirkliche Gelände war während der Probefahrt leider nicht möglich.

Der Blick wandert über das kantige Armaturenbrett und wirft den Fahrer mit Schwung in die Siebziger. Hinzu kommen die dünnen Lenkstockhebel aus Metall, die tatsächlich jeweils nur einen Zweck erfüllen - die ganzen Zusatzknöpfe und -schalter von modernen Autos sucht man an ihnen ebenso umsonst wie auf dem bis heute airbaglosen Lenkrad. Aufgrund des leichten Regens beginnt schließlich die Suche nach den Schaltern für Heckscheibenwischer und -heizung. Beide finden sich schließlich auf der Mittelkonsole in Form von klassischen Plastik-Kippschaltern, die mit vernehmlichen "klack" einrasten. Im Falle der Heckscheibenheizung wird zudem eine Kontrollleuchte aktiviert, die in ihrem früheren Leben wohl als Fernlicht gearbeitet hat. Apropos Licht: Auch das Abblendlicht wird über einen Schalter an der Mittelkonsole in Betrieb genommen.

Wie weiter oben bereits erwähnt verfügt der Lada 4x4 Urban über eine Vollausstattung. Wer nun von Lederpolsterung und Infotainmentsystemen träumt, sollte bei anderen Herstellern weitersuchen. Die Russen haben ihr Traditionsmodell keineswegs verwässert. Was zählt also stattdessen dazu? Elektrisch verstell- und beheizbare Außenspiegel, elektrische Fensterheber, eine neue Kühlergrillblende, neu gestaltete Schürzen vorn und hinten, beheizte Vordersitze sowie ein Deckel für das Handschuhfach. Und bevor sie jetzt laut lachen: Mehr braucht man nicht, denn die typischen Kunden für dieses Fahrzeug nutzen ihn weniger zum Herumrollen auf der örtlichen Protzmeile, sondern für den harten Alltag im Gelände, wo er dank Untersetzungsgetriebe, permanentem Allradantrieb  und Mitteldifferenzialsperre fast überall durchkommt. Übrigens sieht man daran, dass die Bedienknöpfe für Fensterheber und Spiegelverstellung noch hinter dem Handbremshebel auf dem Mitteltunnel platziert sind, dass diese Spielereien ursprünglich nicht vorgesehen waren.

Nun soll es aber auch endlich auf die Straße gehen. Unter der Haube des 4x4 Urban werkelt ein 1,7 Liter großer Vierzylindermotor, der ihn mit ordentlichen 61 kW/83 PS und 129 Newtonmetern Drehmoment versorgt. Dass er damit beim Ampelrennen keinen Hering vom Teller zieht, mag man der inzwischen 40 Jahre alten Konstruktion nachsehen, seine wirklichen Qualitäten liegen eben im Offroad-Bereich. Dafür versetzt er seinen Fahrer gekonnt in eine Zeit, als Autos noch für reine Funktion und nicht für reines Design entwickelt und gebaut wurden. Streng genommen ist aus unserer heutigen Sicht nichts am Urban logisch - und doch macht genau das den großen Spaßfaktor aus, wenn man mit ihm unterwegs ist. Es ist quasi ein Hauch von Abenteuer bei jeder Tour onboard.

Ja, ich habe den Wagen sogar kurz auf ein Gebiet entführt, das so gar nicht sein Zuhause ist: Die deutsche Autobahn. Als tägliche Verbindung zwischen A und B ist sie für uns unerlässlich, für den 4x4 Urban jedoch allenfalls Mittel zum Zweck auf dem Weg zum nächsten Steinbruch oder zur matschigen Waldpiste. Lange Fahrten bei Tempo 120 sind für Fahrer, die heutige Flüsterdiesel und seicht rollende Mittel- bis Oberklasse-Automobile gewöhnt sind, vermutlich nicht zu stemmen. Der Lada möchte mit dir reden und er tut das durch Reifenabroll- und Motorgeräusche, da hilft auch das optionale CD-Radio nicht. Hier fährt man noch Auto und wird nicht vom Auto gefahren.

Mit einem breiten Grinsen im Gesicht hab ich schließlich den Schlüsselbund (sie erinnern sich) wieder abgegeben. Es war meine erste Fahrt in einem Lada Niva/Taiga/4x4, aber bestimmt nicht die letzte. Wenn Sie beim Lesen Lust auf ein solches Abenteuer bekommen haben: Den Lada 4x4 Urban gibt es ab 11.990,- € (inkl. MwSt.). Bei einem Blick in die Sonderausstattungsliste wird schnell klar, wen Lada als Kundenkreis im Auge hat: Wildwannen für den Kofferraum, Gewehrhalterungen, Laderaumtrenngitter und ein Unterfahrschutz werden wohl kaum von Vorstadtmüttern geordert, die mit ihren SUVs den morgendlichen Schulweg der Kleinen abdecken. Aber auch für Lifestyle-Kunden gibt es das ein oder andere Extra: Zentralverriegelung (auch mit Fernbedienung lieferbar), elektrisches Faltschiebedach, Chrom-Trittbretter, per Folie abgedunkelte hintere Seitenscheiben nebst Heckfenster, DOTZ-Felgen in Schwarz oder Chrom sowie eine Komplettfolierung wahlweise im Safari-, Outdoor- oder California-Dekor sorgen mit Sicherheit für große Augen bei den Passanten in der Innenstadt.

Fotograf: Matthias Kierse