BMW Ice Fascination im schwedischen Arjeplog

Geschrieben von Martin Englmeier am . Veröffentlicht in News

- Fünf Tage lang "quer ist mehr" auf Eis
- jenseits der Haftgrenze im M4 mit Spikes
- von Theorie über die Übung zur Praxis
- Feineinstellungen über Fahrmodi des M4
- als Bonbon Zusatzrunden im M3 Ice Racer



Arjeplog liegt gut 56 Kilometer südlich des Polarkreises. Offiziell zählt die Gemeinde rund 2.000 Einwohner, doch in den Wintermonaten bevölkert eine Herrschaft an Ingenieuren den vermeintlich beschaulichen Ort. Nahezu jedes Großserienauto erfährt hier seine Entwicklungsreife. Vom Kabelbaum bis zur ESP-Applikation wird hier alles getestet. Ob Ferrari, BMW oder Mercedes-Benz, sie alle haben auf den Eis-Seen laufen und schlittern gelernt.

In den nächsten fünf Tagen wollen wir vor allem das Driften üben. BMW Ice Fascination. Fünf Tage lang "quer ist mehr". Als Untersatz dienen präparierte BMW M4 mit Spikereifen der Marke Lappi. Mit ultraweichem Gummi wird selbst ein Hecktriebler auf eisigem Untergrund zum Profi in Sachen Traktion. Aber vor allem kommt immer das Heck rum. Man muss das Gaspedal nur ansehen. Doch dazu später mehr.

Der Dienstagmorgen unserer Übungswoche gestaltet sich verschneit und dunkel. Es gilt, sich mit den verschiedenen Einstellungen des BMW Coupés anzufreunden. In der M GmbH sind die Zeiten des analogen Fahrens wirklich vorbei. Allein für das ESP gibt es vier Modi: Normal, MDM 1, MDM 2 und komplett deaktivierte Hilfen. Zusätzlich lassen sich Gaspedal, Lenkung und Dämpfer verstellen. Gas auf "Sport Plus" empfiehlt sich vorwiegend für Grobmotoriker, die beim Gasgeben ohnehin nur an oder aus kennen. "Sport" zeigt Ansätze von Sensibilität, doch wirklich feinfühlig lässt sich der Biturbo nur in "Efficient" dosieren. Wir entscheiden uns für diesen Modus, wohlwissend, daß die Kennlinie Richtung Vollgas überproportional ansteigt. Doch wer braucht schon die vollen 431 PS auf diesem Untergrund? Die Hälfte würde es auch tun.

Die ersten Übungen beschränken sich erstmal auf das Querstellen an sich. Einlenken und Gas geben bis es hinten rutscht. Sobald einen die Hinterräder überholen sollte man gegenlenken. Das feine Zusammenspiel zwischen Gas und Lenkwinkel entscheidet dann zwischen fortlaufendem Drift oder ungewolltem Dreher.  Hört sich theoretisch einfach an, doch die Praxis hat ihre Tücken. Manche Stelle am Eis ist eben rutschiger als die andere.

Nachdem sich unsere Fahrgruppe bei den ersten Übungen nicht allzu verkehrt anstellt, geht es am Nachmittag bereits zum "skandinavischen Flick". Wir nutzen also das Trägheitsmoment unseres Gefährts zum schnelleren Richtungswechsel. In der Praxis heißt das: Quer stellen, Quer bleiben, vom Gas gehen, Bremse betätigen, fühlen wie das Heck schnell in die andere Richtung pendelt und wieder Gegenlenken, Gas geben, Quer stellen und bleiben.

Der M4 mit seiner ausgewogenen Achslastverteilung ist ein zuverlässig und berechenbar agierendes Werkzeug. An der Hinterachse wird er auf dem losen Untergrund sehr schnell leicht und bleibt es dann auch. Am späten Nachmittag, wo die Sonne in Nordschweden längst versunken ist, schlängeln wir uns durch einen eng gesteckten Parcour. Das Aktivlicht reflektiert sich in den Schneewänden und wir fühlen uns fast an den Col de Turini zur "Nacht der langen Messer" versetzt.

In den nächsten Tagen absolvieren wir den kleinen Rallyeparcours immer und immer wieder. Langweilig wird es nie. Jede Biegung erfordert volle Konzentration. Es beginnt mit einem Kurvencocktail der sich im mittelschnellen Galopp absolvieren lässt. Dabei lässt man das Auto immer nur leicht mit dem Heck tanzen und dies auch nur mit dem Gas. Die erste enge Rechts verlangt aber schon einen kurzen Tritt auf die Bremse  um die Vorderachse Richtung Scheitelpunkt zu zwingen. Nicht zu weit raus treiben lassen am Ausgang dann setzt man den Wagen sauber in die sehr weite und noch langsamere Links deren Ende direkt auf eine lange Gerade führt. In diesen Kehren gewinnt man die Zeit oder verliert sie. Wer zu aggressiv rangeht fährt einfach geradeaus in die Schneebank. Oder man trifft den Scheitelpunkt nicht und verliert sich im Wheelspin. Raus aus dem Eck schaltet man früh hoch, Gang 3 und 4, das bayerische Motorenwerk schnaubt sonor vor sich hin. Es klingt nach BMW.

Jetzt kommen zwei richtige schnelle, fordernde Ecken. Wir fliegen an eine schnelle Links heran, bremsen kurz und lenken fast gleichzeitig ein. Der Wagen legt sich quer und treibt Richtung Außenrand. Nun kommt der Moment der Pedalartisten. Entweder man bremst mit dem linken Fuß und spielt auf zwei Pedalen an der Grenze zur Ideallinie oder man tanzt nur mit dem rechten Fuß auf beiden Pedalen im Stil des ehemaligen finnischen Rallye-Weltmeisters Juha Kankkunen.

Letztere Methode funktioniert auch ohne vier Weltmeistertitel ganz gut. Als nächstes kommen wieder einige eher langsame Kurven im Wechsel. Die "Line of Vision", also das bewusste Vorausschauen ist hier Pflichtprogramm. Jeder Kurvenausgang beeinflusst automatisch auch die dann folgende Biegung. Immer aber gilt es den Rhythmus zu halten. Das Instrumentieren mit Gas, Bremse und Lenkrad muss in Fleisch und Blut übergehen.

Zum Ende unseres Turns genehmigen uns die Instruktoren einen Ritt auf der Kanonenkugel. Ein präparierter "Ice Racer"-M3 mit Rallye-Spikes steht bereit. Schon die ersten Turns eröffnen neue Perspektiven. Es geht mächtig nach vorne, es staubt und wirbelt, unsere Bereifung fräst sich in das Eis. Nun geht es gar nicht mehr so sehr ums Gefühl, sondern viel mehr um Reaktion. Kurven werden nun wie auf der Rundstrecke hart angebremst und danach geht es sofort voll auf die Kette.

Unglaublich mit welchem Tempo sich nun die schnellen Ecken bezwingen lassen. Immer geht es quer und noch querer mit einem absoluten Affenzahn um den Kurs. Teilweise stehen 140 km/h auf der Uhr. Wohlgemerkt immer mit dem Lenkwinkel fast auf Anschlag  auf blankem Eis.  Nach dem viel zu kurzen Ausflug ist uns das Grinsen nicht mehr zu nehmen. Fahrspaß in Reinform in einer Limousine mit Heckantrieb auf Eis. Wir beschließen an Ort und Stelle: Eine Wiederholung muss sein.

Doch Rallyefahrer brauchen auch Erholung. Da bietet es sich an den Tag bei Rotwein und Rentier am Feuer ausklingen zu lassen. An Gesprächsstoff mangelt es nicht. Doch nicht nur Benzinthemen dominieren die Agenda. Vor allem auch die Umgebung mit ihren gewaltigen optischen Bildern hinterlässt bleibenden Eindruck. Unendliches Eis, messerscharfe Kontraste und Farben. Einmalige Sonnenauf- und Untergänge im tiefen Rot. Und das alles hauptsächlich durch die Seitenscheibe. Wir kommen wieder.  

Fotos: Laura Luft