Autonomes Fahren? Ohne uns!

Geschrieben von Kay Andresen am . Veröffentlicht in News

- Porsche-Chef will keine autonomen 911er
- typischer Kunde will Fahremotionen erleben
- E-Antrieb hingegen denk- und machbar
- ähnliches Bild bei Lamborghini in Italien
- Hybrid-Lambo in Zukunft durchaus möglich



Autonom fahrende Autos sind zur Zeit in aller Munde und man hat fast den Eindruck, die großen Hersteller versuchen sich gegenseitig mit immer früheren Terminen für die Premiere eines eigenständig oder zumindest teilautonom fahrenden Modells zu überbieten. Dazu kommen dann noch die Neueinsteiger wie Tesla oder Google, die in dieser Entwicklung noch weiter vorangeschritten sind.

Jetzt bremst mit dem neuen Vorstandsvorsitzenden der Porsche AG, Oliver Blume, erstmals der Chef eines namhaften Herstellers diese Euphorie und wagt es sogar, diesem Trend entgegenzutreten. Mit dieser Art Fortbewegung will man sich bei Porsche erst später beschäftigen - wenn überhaupt. In einem Interview mit dem in Bielefeld erscheinenden "Westfalen Blatt" meinte Blume, angesprochen auf das Thema autonomes Fahren, nur lapidar: "Das ist so verlockend wie eine Rolex fürs Eierkochen. Einen Porsche will man selbst fahren." Mit diesen kurzen Worten beschreibt er treffend die Motivation, sich einen Porsche oder ein vergleichbares Auto zuzulegen.

Diese Argumentation und der berechtigte Zweifel an der Bestrebung zum autonomen Fahren bedeutet nicht, dass sich die Marke Porsche allen zukunftsträchtigen Entwicklungen verschließt - im Gegenteil. Nur setzt Porsche andere Schwerpunkte; insbesondere in der Entwicklung einer Elektromobilität, die nicht auf die Elementar-Tugenden eines Modells aus Zuffenhausen verzichtet. Erstmals angekündigt mit der überraschenden Premiere der Studie Mission E auf der IAA 2015 in Frankfurt startet Porsche eine Investition von rund einer Milliarde Euro, verbunden mit der Schaffung von 1.000 neuen Arbeitsplätzen, um einen viertürigen Elektro-Sportwagen zu entwickeln. Anvisiert sind mehr als 440 kW/600 PS Höchstleistung und sowohl eine Beschleunigung aus dem Stand auf 100 km/h in unter 3,5 Sekunden als auch eine Reichweite von mehr als 500 Kilometern. Mit einer eigens entwickelten und im Vergleich zu heutigen Schnell-Lade-Einrichtungen doppelt so starken 800-Volt-Ladestation sollen schon nach nur 15 Minuten Ladezeit wieder 80 Prozent der Reichweite zur Verfügung stehen. Sollten sich diese Vorgaben realisieren lassen, würde Porsche damit selbst Marktführer Tesla und dessen hauseigene Supercharger sowohl in Reichweite wie in Ladezeit übertreffen.

Schon heute ist das Stuttgarter Unternehmen sehr erfolgreich teilelektrisch unterwegs. Die Hybridversionen von Cayenne und Panamera sind bereits auf dem Markt, eine Plug-in Hybridvariante des 911 soll in Zukunft folgen. Dazu sagt Porsche-Vorstandsvorsitzender Oliver Blume: "Wir nehmen die Herausforderung der Elektromobilität konsequent an." Das (renn)sportliche Fahrzeuge und Elektroantrieb sich nicht im Wege stehen, beweisen die Erfolge des Porsche 919 Hybrid in der WEC-Serie und in Le Mans. Nach dem Sieg 2015 beim Langstreckenklassiker an der Sarthe streben die Zuffenhausener in diesem Jahr die Titelverteidung an. Der ausgeklügelte Hybridantrieb im 919 verbindet Turbotechnologie und Benzindirekteinspritzung für den Zwei-Liter-V4-Benzinmotor und nutzt eine Lithium-Ionen-Batterie als Speichermedium für die elektrische Energie aus zwei unterschiedlichen Rückgewinnungssystemen: Bremsenergie von der Vorderachse und Abgasenergie. Die Bilanz nach insgesamt 16 Renneinsätzen dieses Autos seit Anfang 2014 lautet: Zwölf Pole Positionen, sieben Siege, darunter vier Doppelsiege, fünf schnellste Rennrunden, je ein Hersteller- und ein Fahrer-Weltmeistertitel.

Doch nicht nur Porsche zeigt sich skeptisch, was das autonome Fahren angeht. Auch aus Italien, genauer aus Sant'Agata Bolognese, kommen ähnliche Töne von der Konzernschwester Lamborghini. CEO Stephan Winkelmann legte sich kürzlich in einer Stellungnahme im Internetportal "Left Lane News" aus San Francisco noch deutlicher fest und meinte, dass sein Unternehmen dem allgemeinen Trend zum automatisierten Auto nicht folgen wolle: "Unsere Kunden wollen das Steuer selbst in der Hand behalten." Denn bei Lamborghini müsse schließlich ein Auto zu jeder Zeit ein wirklich emotionales Fahrgefühl liefern. Anders beurteilt er die Elektrifizierung. Schon auf der letzten Mondial de l'Automobile in Paris im Jahr 2014 überraschte Lamborghini mit einer selbst entwickelten Hybridstudie namens Asterion Kunden und Fachleute gleichermaßen und wies damit die Richtung, die man einzuschlagen gedenkt. Der teilelektrische Sportwagen verbindet den 5,2 Liter großen V10-Motor aus dem Gallardo mit insgesamt drei separaten Elektromotoren und erreicht so eine Systemleistung von 669 kW/910 PS. Nicht ohne Grund sagt Winkelmann stolz von dem Auto: "Ein Lamborghini ganz neuer Art."

Als dritter namhafter Hersteller meldet auch Jaguar Land Rover in Person seines Entwicklungschefs Wolfgang Epple Zweifel an der autonomen Mobilität an, auch wenn man auf der anderen Seite selbst Testläufe in dieser Form bestreitet. Epple legt den Fokus in dieser Entwicklung auf die Fahrer und meint: "Um autonome Fahrzeuge erfolgreich einzuführen, müssen wir uns stärker als jemals zuvor auf den Fahrer konzentrieren", und führt fort: "Wir müssen verstehen, wie Autofahrer sich in verschiedensten dynamischen Situationen im alltäglichen Straßenverkehr verhalten - denn dieses Verständnis ist essenziell, um die Akzeptanz autonomer Fahrzeuge zu steigern."

Kommentar

Bereits bei der Vorstellung des Faraday Future FF Zero 1 Concept hatte ich mir erlaubt, meine Zweifel an der Entwicklung autonom fahrender Fahrzeuge anzumelden. Damals hatte ich noch das Gefühl, mit meiner Meinung ziemlich allein zu sein. Zu groß war die allgemeine Euphorie für die neue Technik. Dass jetzt erstmals namhafte Hersteller sich in diese Reihe der Zweifler stellen und es wagen, auf die positiven Emotionen ihrer Fahrzeuge bei der Kundschaft hinzuweisen, lässt mich hoffen. Fast möchte ich ebenso erstaunt wie begeistert sagen: "Endlich jemand, der den gesunden Menschenverstand noch nicht komplett ad acta gelegt hat."
Diese Emotionen empfinden die Kunden nämlich nur, wenn sie selbst das Steuer in der Hand halten, Gas geben, das Fahrverhalten des Fahrzeugs spüren und die Route selbst auswählen können. Seit 130 Jahren verschafft das Auto dem Menschen Freiheit und Selbstbestimmung, es wäre ein großer Fehler, diese jetzt einer zweifelhaften Technik unterzuordnen.
Eine kleine Episode zum Schluss: Das autonom fahrende Fahrzeug bezieht einen großen Teil seiner Informationen und Daten aus dem im Fahrzeug verbauten Navigationssystem. Leider sind diese nicht immer perfekt, wie die folgende Meldung aus Niedersachsen zeigt:
"Weil er seinem Navigationsgerät vertraut hat, ist ein Autofahrer im Landkreis Lüneburg mit seinem Wagen in der Elbe gelandet. Die vier Männer in dem Auto konnten sich nach dem Vorfall am Donnerstagmorgen in Bleckede retten, wie ein Sprecher der Feuerwehr mitteilte. Sie seien mit Unterkühlungen in ein Krankenhaus gebracht worden. Er habe sich auf sein Navi verlassen, sagte der Fahrer der Polizei. Die Fähre sei zu diesem Zeitpunkt aber leider gerade am anderen Elbufer gewesen, hieß es von der Feuerwehr. Nach einer Stunde habe die Elbfähre "Amt Neuhaus" ihren Betrieb wieder aufnehmen können. Das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) konnte das versunkene Fahrzeug noch am Vormittag orten und mit einem Greifbagger bergen, berichtete WSA-Einsatzleiter Henning Banse."
In diesem Fall hat die nötige Selbstverantwortung des Fahrers gefehlt, aber ich frage mich, was ein autonom fahrendes Fahrzeug in der Situation gemacht hätte? Wer gefahren werden möchte, sollte besser die Bahn nehmen oder vielleicht einfach mal seinem Partner das Steuer überlassen.

Fotos: Porsche (3), Lamborghini (2)

Quellen: Auto-Medienportal.Net, Westfalen Blatt, dpa