Im Tesla Model S P85D über die Nordschleife

Geschrieben von Martin Englmeier am . Veröffentlicht in News

- Eine Runde um die Nürburgring Nordschleife
- lautloses Gleiten im Tesla Model S P85D
- lediglich Wind- und Reifengeräusche zu hören
- Leistungsdrosselung ab Schwedenkreuz
- erstes Bremsenfading ab Adenauer Forst

 
Vom Mogendorfer Supercharger bis zur Einfahrt der Nürburgring Nordschleife sind es genau 76 Kilometer. Der Tesla Model S P85D soll möglichst vollgeladen auf die Döttinger Höhe einbiegen. Wir bereiten uns bis dahin auf eine betont gemächliche Reise vor. Je langsamer man fährt, umso voller und schneller kommt man am Ziel an. Für einen Tesla-Fahrer ist dies nur logisch. Flotter Galopp oberhalb der Richtgeschwindigkeit schrumpft die Reichweite schnell in die Kategorie Nahverkehr.

Für die rund 21 Kilometer von der Touristenfahrten-Einfahrt bis zum Galgenkopf sollte es reichen, auch unter Volllast. Mit unserem automobilen Silicon Valley wollen wir lautlos über den Ring rasen. Welches Auto mit werksseitig angegeben 700 PS Spitzenleistung (faktisch bekanntlich "nur" 469 PS als b
atteriebegrenzte Motorwellen-Höchstleistung) verpasst dem persönlichen Prestige seines Besitzers so viel Umweltbewusstsein? Wohl kaum ein zweites. Hier und jetzt interessiert uns aber nur die Perfomance zwischen Curb und Scheitelpunkt. Nach einem Big-Mäc-Menu ohne kleine-Pommes-Option geht es los.

Theoretisch fährt der Tesla auch alleine - aber nicht auf der Nordschleife!
Macht Teslafahren eigentlich dick? Das Pilotieren selbst erfordert jedenfalls nicht allzu viel Aufmerksamkeit. Es gibt kein Getriebe, dafür jedoch ein gigantisches Display. Den Schalter "ESP off" sucht man vergeblich. Seit einem Update im Frühsommer 2015 fährt das Model S auf Wunsch sogar fast alleine. Zur Sicherheit halten wir die Hände trotzdem am Lenkrad. Vor allem bei der explosiven Beschleunigung aus dem Stand ist dies auch zwingend zu empfehlen. 

Ob uns das im Adenauer Forst vielleicht Vorteile bringt? Noch ist es nicht soweit. Am Parkplatz kontrollieren wir noch einmal den Luftdruck. Unser P85D steht auf mächtigen 21-Zollern mit den 265er Michelin-Pneus auf der Hinterachse und speziellem Tesla-Sportfahrwerk. Selbiges wurde nur kurze Zeit verbaut, den meisten Kunden war es zu unbequem. Für unsere Hatz über den Ring sollte das aber kein Nachteil sein. Sorgen bereiten uns eher die vergleichsweise kleinen Bremsscheiben.

Los geht es - gefolgt von zwei Kompaktwagen
Hinter uns reihen sich ein Mégane RS und ein VW Golf mit verdächtiger Bodenfreiheit ein. Wir wissen, unser Model S wird seine abrufbare Motorleistung sukzessive kürzen, um nicht zu überhitzen. Bis zum Tiergarten sollten wir jedoch einen ansehnlichen Vorsprung haben vor den Verfolgern. Tatsächlich halten wir den Renault bis zur Einfahrt Hatzenbach auf Distanz. Dieses Eck verrät auch bereits einiges über das Fahrverhalten. Wenn hier die ABS-Abstimmung nicht passt, geht es gern gleich mal geradeaus.

Der Tesla meistert die erste Prüfung stoisch sauber, wenn auch mit sehr gemächlichem Tempo. Die Reifen winseln früh um Gnade, würden sich den 2,3 Tonnen Lebendgewicht am Liebsten noch vor'm Geschlängel ergeben. Wir kennen aber keine Gnade und quietschen uns bis Hocheichen, der 265 PS starke Kompaktwagen klebt uns längst am Heck. Bei den schnellen Richtungswechseln ist der sehr niedrige Schwerpunkt immerhin ansatzweise spürbar. Falsch machen kann man ohnehin nichts. Bevor irgendetwas fahrdynamisch Interessantes passiert, wird kräftig untersteuert.

Verfolger 1 passiert uns am Aremberg
Wir gleiten über die Quiddelbacher Höhe, biegen weich nach rechts ab über die Doppelrechts am Flugplatz in Richtung Schwedenkreuz. Vor dem Hügel haben wir knapp Tempo 220 auf dem Tacho. In einem ausgewachsenen Vollblut-Sportler stehen da auch mal 50 km/h mehr auf der Uhr. Die Elektronik hat uns die Leistung zu diesem Zeitpunkt längst gestutzt. Vor Aremberg lassen wir unseren Verfolger daher passieren. Freilich, es würde noch etwas mehr gehen. Aber das muss heute nicht sein.

In der Fuchsröhre wird das Alu-Chassis mit massiven G-Kräften malträtiert. Der Tesla windet sich sprichwörtlich durchs Tal und Richtung Adenauer Forst treten wir das Bremspedal bereits bis zum Bodenblech durch. Der spürbare Geruch von verrauchtem Gummi mahnt zusätzlich zur Vorsicht. Bremsfading also bereits ab Kilometer sieben. Man scheint das Lachen der Benzininfizierten hinter'm Zaun hören zu können. Einen Auspuffklang, der selbiges übertönen könnte, gibt es ja nicht.

"Auto mit dem besten Handling"? Eher nicht
Wir lassen uns aber nicht beirren, konzentrieren uns tapfer auf den richtigen Einlenkpunkt am Metzgesfeld. Als der P85D vorgestellt wurde, sprach Tesla vom "Auto mit dem besten Handling aller Zeiten". Tatsächlich verteilen die Elektromotoren die Kraft schneller zwischen den Achsen, als es ein Differential jemals könnte. Doch außer einer formidablen Traktion bringt das querdynamisch nicht ganz so viel.

Hinter der Ex-Mühle, auf dem steilen Anstieg Richtung Lauda-Eck sprinten wir inzwischen subjektiv mit der Dynamik einer Wanderdüne. Der Golf-Fahrer sitzt fast bei uns auf dem Rücksitz, eine Wettfahrt ist das schon lange nicht mehr. Wir lassen den Verbrenner artig passieren. Auf der langen Geraden zum Klostertal bleibt Zeit, etwas über die Stromrechnung nachzudenken. Die tägliche Benutzung eines Model S kann den üblichen Bedarf verzehnfachen.

Vortrieb massiv gedrosselt, Bremsen kurz vor'm Hitzetod
Nach dem Karussell robben wir uns zur Hohen Acht. Brems- und Einlenkpunkte spielen nun keine große Rolle mehr, wir lassen es laufen. Beim heckangetriebenen Vorgänger P85+ konnte man die elektronischen Bremsleinen noch lösen und somit keck das Heck raushängen lassen. Die Allradversion lässt derartige Spaßeinheiten nicht mehr zu. P85D möchte lieber Ruhe und Stabilität vermitteln. Passend zum höchst kultivierten Antrieb.

Am Wippermann nehmen wir linientreu den inneren Curb mit. Die Luftfederung des Model S erlaubt mit ihrer Höhenverstellung auch so manche Offroad-Einlage. Ausgangs Brünnchen versuchen wir diese jedoch zu vermeiden. Ebenso verkneifen wir uns jegliche sportliche Ambition im Pflanzgarten. Was den Vortrieb angeht, könnte uns inzwischen wohl auch der 2CV-Club-Bielefeld gefährlich werden. Gebremst wird nur noch über die Rekuperation, den Bremsen ersparen wir den Hitzetod.

Am Ende reicht es für eine BTG-Zeit (Bridge to Gantry) von etwas über 9:00 Minuten. Todesmutig wäre vielleicht auch eine Zeit im Bereich von 8:30 Minuten drin. Zurück auf dem Parkplatz treffen wir den etwas verdutzt blickenden Golf-Piloten wieder. Ungefähr 170 PS leistet sein ABT-Golf mit sportlichem Anstrich. "Ich dachte der geht voll ab", lautet sein Kommentar zu unserem Strombomber. Nach einem längeren Voltgespräch in der Nähe einer normalen Ladesäule segeln wir wieder Richtung Mogendorf zum Supercharger. Doch statt McMenü gibt es dieses Mal nur einen Espresso extra bitter. Nicht, dass uns bei der Heimfahrt der Schlaf überfällt.


 
Hinweis der Redaktion: Die beschriebene und gezeigte Runde fand bereits im Juni 2015 auf der Nordschleife statt, die aktuellen Umbauten sind also noch nicht zu sehen. Zudem ist das Model S P85D inzwischen durch den P90D nebst Facelift abgelöst worden.

Fotografen: Matthias Kierse und Martin Englmeier