Fahrbericht: Volkswagen XL1

Geschrieben von Martin Englmeier. Veröffentlicht in News

- Konsequenter Leichtbau
- ausgeklügelte Aerodynamik
- UFO-Wirkung auf Betrachter

 
Schon wieder eine Menschentraube. Ja, das ist der Volkswagen XL1. Der Wagen aus der Werbung mit Mr. Spock am Steuer. "Fährt er denn rein elektrisch?" Nein. "Verbraucht er wirklich nur einen Liter auf 100km?" Kommt drauf an. "Wie schnell geht er?" 160 km/h. "Und kostet das Auto mehr als ein Golf?" Ja, viel mehr. Genaugenommen sind es 111.000,- € inklusive Steuern aber ohne Sonderausstattung. Schweigen. Somit kann ich endlich einsteigen.

Hoch mit dem Flügel. Bevor man sich in die Luke gleiten lässt, sollte man bereits die Türe aus Carbon mittels festem Griff nach unten ziehen. Man stülpt sich dieses Raumschiff praktisch über, spannt sich in den Schalensitzen ein, die nur längs und in der Neigung verstellbar sind. Der Beifahrer sitzt leicht versetzt nach hinten, aber in der Höhe ebenso wie der Pilot nur 35 Zentimeter über dem Boden. Als besonderer Blickfang stechen sofort die Seitenkameras im iPhone-Format ins Auge.

Das Interieur gestaltet sich sonst betont schlicht und zweckorientiert. Keine Ambientebeleuchtung, stattdessen klare Analogarmaturen und ein Media Interface aus dem Garmin-Baukasten. Das sichtbare Karbon verzichtet auf Glanz. Show and Shine hat das sparsamste Auto der Welt nicht nötig. Die reduzierte Askese weckt sportliche Gefühle, erst Recht wenn die Hände das kompakte Lenkrad umfalten, dessen Steuerung ohne jede Servopumpe auskommt.

Dementsprechend stramm lässt sich die Flunder rangieren, obwohl die Vorderreifen zusammen kaum breiter als 20cm sind. Die Architektur des XL1 bricht ohnehin jeden althergebrachten PKW-Maßstab. Die Flunder mit ihren zwei Motoren ist zwar extrem schmal, aber trotzdem vorne breiter als hinten. Die feinen Räder aus Magnesium hat man vorne an spinnwebenden Querlenkern aus Aluminium befestigt, die wiederum direkt am Chassis montiert sind.

Von jeglicher Massenträgheit befreit lenkt der XL1 ultradirekt ein, neigt sich aber trotz Stabilisatoren aus Carbon merklich um die Hochachse. Gegenüber den ersten Prototypen bemüht sich die Serienvariante um ernsthaften Fahrkomfort, federt und dämpft tapfer. Jegliche Athletik um Kurven und Biegungen aller Art unterbindet jedoch das streng programmierte ESP. Geflissentlich wie ein niedersächsisches Prüfungsamt wird jegliche Form von Unter- oder Übersteuern sofort unterbunden. Fahrspaß kann man im 1-Liter-Auto nicht nach klassischem Muster finden, dennoch offeriert das Segeln nach dem Minimalprinzip seinem ganz eigenen Reiz. Der Zweizylinder-Diesel mit 0,8 Litern Hubraum nagelt sprichwörtlich die 880 Kilogramm inklusive Testfahrer mit Nachdruck nach vorne, unter anderem dank der kräftigen Unterstützung von 20 elektrischen kW und 140 Newtonmetern Drehmoment. Bis zur Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h galoppieren die 70 PS Systemleistung ansehnlich flott. Ohne Begrenzung wären über 200 drin. Rein elektrisch sind es 120.

Tatsächlich reicht der reine E-Antrieb im Stadtverkehr locker aus und der entsprechende Energieverbrauch liegt dann auf dem Niveau eines Fahrrads. Mit nur etwas mehr als 5 kWh kommt der XL1 fast 50 Kilometer weit. Der Dieselantrieb genehmigt sich selbst unter Dauervollast niemals mehr als 4,3 Liter Kraftstoff. Im normalen Betrieb hängt der Verbrauch stark vom Anteil des Elektrobetriebs ab. Unter 3 Liter Durchschnittsverbrauch lassen sich jedoch ohne Mühe erreichen, ohne die Batterie zu sehr zu bemühen.

Das sehr kurz übersetze DSG wechselt die Gänge blitzschnell und kuppelt den Antrieb nach jedem Gaslupfer umgehend aus, unabhängig vom gewählten Fahrmodus. Danach hat man das Gefühl schlichtweg endlos rollen zu können, losgelöst von jeglichem Widerstand. Dabei sind die Abrollgeräusche durch die verkleideten Hinterräder etwas prägnanter als in einem herkömmlichen KFZ. Nicht die einzige XL1-Kuriosität. Das Bremsen erfordert etwas Eingewöhnung, mehr als in vielen anderen Vertretern der Kategorie Plug-In-Hybrid. Bis zu 25% des Pedalwegs gewinnt man Energie zurück, darüber wird mit den 280 Millimeter großen Keramikscheiben wirklich gebremst. Sowohl Wirkung als auch Dosierbarkeit fallen dabei wertungstechnisch durch, der kürzest mögliche Bremsweg liegt im Bereich eines Golf III. Hat man es also beim Thema Leichtbau übertrieben? Nein, bestimmt nicht. Der XL1 ist ein fahrendes Versuchslabor, eine Demonstration des technischen Machbaren, kompromisslos und streng funktionsorientiert.

Die Schnörkellosigkeit wird auch im Design sichtbar, die sich nur dem cW-Wert von 0,19 unterordnet. Selbst Außenspiegel oder Öffnungen zur Prozessluft sind der Strömung zum Opfer gefallen. Direkt aus dem Unterboden wird angesaugt und durchgeströmt. Die Entschlossenheit eines selbstbewussten Ingenieurs ist dem XL1 in jedem Detail anzumerken. Von den minimierten Spaltmaßen der Flügeltür über das automatisierte Warmfahren des Dieselmotors, bis zu den mittels Harzfilm oder Vliesschicht lackierten Außenteilen. Die technischen Feindetails reichen für ausgedehnte Waldspaziergänge.

Wer das Ufo ausführlich bewegen durfte, der verabschiedet sich auch von der Illusion, schon in wenigen Jahren einen ähnlich sparsamen Polo oder Golf frei erwerben zu können. Zielbewusste Aerodynamik und rigoroser Leichtbau sind die Schlüssel zur Sparsamkeit. Der puristische, aber gerade noch alltagstaugliche XL1 markiert die Grenze des technisch Machbaren für die Straße. Der erste und bis auf absehbare Zeit einzige, geradlinig rational konstruierte Supersparwagen. Kein Wunder, warum auch ein Vulkanier dieses Auto fährt.

Werte:
0-100 km/h:  10,6 Sekunden (mit einer Person 75 kg)
Gewicht: 805 kg ohne Ladegerät

Verbrauch (real erfahren):
Maximalverbrauch Vollast warm: 4,3 Liter/100 km
Verbrauch Durchschnitt Anteil 20 % elektrisch: 2,8 Liter/100 km
Verbrauch Durchschnitt Anteil 80 % elektrisch: 0,7 Liter/100 km
Verbrauch Durchschnitt rein elektrisch: 10,5 kWh

Fahrer und Fotograf: Martin Englmeier