Byton Concept - Vernetzung auf neuem Stand

Geschrieben von Kay Andresen am . Veröffentlicht in News

- Neues Start-Up-Unternehmen auf der CES
- chinesisch mit ex-Mitarbeitern von BMW i
- elegant gestaltetes SUV als erstes Modell
- Zugang per Gesichtserkennungskameras
- elektrischer Antrieb mit genug Leistung
 


Galt die Consumers Electronics Show (CES), die jedes Jahr Anfang Januar in Las Vegas stattfindet, früher als Treffpunkt der Computernerds und Spielefreaks, so hat sie sich in den letzten Jahren zu einer seriösen Messe entwickelt, die besonders von der Automobilindustrie gern als Plattform für die Präsentation zukunftsorientierter Konzepte genutzt wird. Seit dem Trend zur Elektromobilität nutzen ebenfalls die zahlreich auf den Markt drängenden Start-Up-Unternehmen die CES, um sich und ihre Produkte dem interessierten Publikum näherzubringen.
 
In diesem Jahr stach besonders eines dieser Start-Ups aus dem Angebot der Messe hervor; die Firma Byton. Das in der chinesischen Stadt Nanjing beheimatete Unternehmen tritt international auf. So betreibt man neben der Zentrale ein Produktions-, Entwicklungs- und Forschungszentrum in China. Das Designentwicklungszentrum für Prototypen und Konzeptfahrzeuge ist in München und ein US-amerikanisches Entwicklungszentrum wird im amerikanischen Silicon Valley betrieben. Interessant ist auch die Führungsmannschaft des neuen Automobilherstellers, in der sich einige bekannte Gesichter aus der i-Mobilitätsspalte des BMW-Konzerns wiederfinden. Neben Carsten Breitfeld (Entwicklung BMW i8), der als CEO von Byton auftritt,  sind auch Benoit Jacob (ehemals BMW i Chef-Designer), Henrik Wenders (früherer Marketing-Chef von BMW i) und Dirk Abendroth (leitender BMW i-Antriebsentwickler) bei Byton aktiv. Außerdem ist mit Daniel Kirchert jener Manager mit von der Partie, der einst das Joint Venture BMW-Brilliance in China aufgebaut hat. Kompetenz und Erfahrung hat bekanntlich noch nie beim Aufbau eines neuen Unternehmens geschadet.

In Las Vegas präsentieren die Chinesen mit geballtem deutschen Know-How ihr Erstlingswerk in Form eines Premium-SUVs der gehobenen Mittelklasse. Zur Zeit noch als Byton Concept bezeichnet entspricht das bereits voll fahrfähige Fahrzeug weitestgehend der ab kommenden Jahr zu erwartenden Serienversion.

Exterieur - Harmonisch ohne Langeweile

Mit seinen harmonisch gezeichneten Linien wirkt der Byton auf den ersten Blick modern und hochwertig. Die - typisch für Elektromobile - komplett geschlossene Frontpartie wird geschickt durch einige Designelemente aufgelockert und wirkt daher nicht plump und flächig. So liegen die extrem flachen LED-Scheinwerfer sehr hoch und werden durch eine Blende mit dem Namensschriftzug 'Byton' verbunden. Eine weitere zierliche Chromleiste führt unterhalb der Scheinwerfer in einem langgezogenen Bogen über die komplette Fahrzeugfront. Optisch erinnert diese Gestaltung ein wenig an die Einfassung eines Kühlergrills, der mittig mit einem stilisierten 'B' als Markenlogo gekrönt wird. Im unteren Bereich zeigt der Byton im Kontrast zu den eher weicheren Linien um die Scheinwerfer einige scharfe Kanten, die in ihrer Gestaltung an aktuelles Lexus-Design erinnern.

Die Seitenansicht mit der schräg abfallenden Dachpartie folgt dem aktuellen Trend sportlicher SUV-Modelle, die BMW mit dem X4 und X6 sowie Mercedes-Benz mit den GLC und GLE Coupés vorgezeichnet haben. Geschickt haben die Designer auch hier zu große Flächen mit einer dezenten Sicke und sparsam eingesetzten Chromelementen aufgelockert. Bei der Gestaltung der hinteren Seitenlinie scheint es, dass die Gestalter des Concepts bei einer guten Flasche Bordeaux ihren Blick nach Frankreich wandten und sich von den Linien eines DS 5 von Citroëns edler Tochtermarke inspirieren ließen, so bekannt kommt dem Betrachter der nach oben verlaufende Knick zum Ende der hinteren Seitentür und dem dahinter liegenden Fenster vor. Ein weiteres prägendes Detail der Seitenansicht sind die großen Räder in Verbindung mit sehr kurzen vorderen und hinteren Überhängen. Das lässt den Byton trotz seiner Außenlänge von immerhin 4,85 Metern kompakt wirken und verschafft darüber hinaus Vorteile, sollte es wider Erwarten doch einmal ins Gelände gehen. Die Heckpartie selbst dagegen ist von einer schlichten Eleganz geprägt. Die erneut extrem flachen Leuchteinheiten spiegeln das Frontdesign ebenso wieder wie das mittige B-Logo.

Auffällig ist, dass das jetzt in Las Vegas gezeigte Konzept des Byton ohne Außenspiegel oder konventionelle Türgriffe daherkommt. Man benötigt sie beim neuen Elektro-SUV einfach nicht mehr. Insgesamt drei Kameras zur Gesichtserkennung prüfen die biometrischen Daten und entriegeln die Türen für autorisierte Personen. Durch Berühren des Touchsensors öffnet sich dann die jeweilige Tür. Selbstverständlich werden nach der Identifikation der befugten User auch die Türen für Mitfahrer entriegelt. Zwei Kameras übernehmen die Funktion klassischer Außenspiegel, eine weitere im Heckbereich liefert zusätzliche Bilder.

Interieur - Riesiges Display vorn

Völlig neue Wege geht Byton bei der Innenraumgestaltung des Concepts. Klassische Armaturentafeln haben ausgedient und werden hier durch einen über die gesamte Breite des Innenraums reichenden Bildschirm, 'Shared Experience Display' genannt, ersetzt, das von Fahrer und Beifahrer genutzt werden kann. Ergänzt wird dieses große Display durch ein weiteres Tablet-Display, das in der Mitte des Lenkrades angebracht dem Fahrer unter anderem zur Steuerung des Shared Experience Displays, der Navigation und der Sitzverstellung sowie weiterer Funktionen zur Verfügung steht. Die Seiten des Tablets beinhalten die wenigen vorgeschriebenen echten Knöpfe im Fahrzeug. Eine weitere Form der Bedienung bietet 'Byton Air Touch' für die Gestensteuerung. Dieses Feature erlaubt die Displaykontrolle über Gesten. Über sie kann der Fahrer etwa eine Location vom Hauptdisplay mit einer einfachen Handbewegung ins Navigationssystem verschieben. Als persönliche Assistentin steht Amazon Alexa im neuen Byton Concept stets zu Diensten.

In Verbindung mit ihrem neuen SUV bieten die Chinesen 'Byton Life' an, eine digitale Cloud-Plattform, die verschiedene Apps, Daten und Smart Devices auf eine intelligente Art und Weise innerhalb des Fahrzeugs mit den Fahrern und Passagieren verbindet. Vier Byton Life Features werden auf der CES vorgestellt: 'my HEALTH', 'my COMMUNICATION', 'my ENTERTAINMENT' und 'my ACTIVITIES'. Verschiedene Sensoren ermöglichen Byton unter anderen auch den Gesundheitsstatus des Nutzers zu analysieren – zum Beispiel das Gewicht, die Herzrate oder den Blutdruck. Darüber hinaus unterstützt Byton Life Video- und Telefonkonferenzen, vernetzt den Nutzer mit Familie oder Freunden oder ermöglicht ein konstruktives Arbeiten an verschiedenen Dokumenten. Ferner ist es möglich, Musik, Videos oder andere Inhalte vom Smartphone direkt in dem Augenblick auf das Fahrzeugdisplay zu übertragen, wenn der Fahrer ins Auto steigt.

Künstliche Intelligenz und eine lernende Software stellt den Byton in vielen Bereichen individuell auf den Fahrer ein und kann auch auf Veränderungen in dessen Lebensrythmus oder der Interessensphäre reagieren. So analysiert Byton Life Kalender, Locations, Hobbies und weitere Daten der Nutzer und gibt beispielsweise maßgeschneiderte Tipps für Freizeitaktivitäten. Dabei unterstützt die Hardware 5G-Übertragung. Die im Dach integrierte Antenne ermöglicht Datenübertragung bis zu zehn Gigabit pro Sekunde. Das ist hundertmal schneller als die heute übliche durchschnittliche Übertragungsgeschwindigkeit.

Innovativ ist auch der bereits kurz erwähnte Zugang zum Concept, 'Byton Intuitive Access' genannt. Gesichtserkennungskameras erkennen anhand der biometrischen Daten Fahrer oder Passagiere und öffnen die Türen. Zusätzlich werden die Sitze individuell auf die jeweiligen Fahrzeuginsassen angepasst. Dem Fahrer stehen sein hinterlegtes Entertainment-Programm und andere individuelle Einstellungen zur Verfügung. Die persönlichen Einstellungen werden in der Byton Cloud gespeichert und stehen dem Fahrer in jedem Fahrzeug der Marke zur Verfügung. Damit wird beispielsweise auch aus einem Werkstattersatzwagen sofort fast das eigene Mobil.

Nun besteht der Innenraum eines Autos glücklicherweise nicht nur aus Bildschirmen. Man kann den Chinesen attestieren, dass ihnen auch der nicht unerhebliche Rest des Interieurs durchaus gut gelungen ist. Durch das Fehlen konventioneller Bedienelemente wirkt alles sehr aufgeräumt, fast minimalistisch. Lederverkleidungen am Armaturenbrett und den Türen sorgen in ihrer zweifarbigen Ausführung für ein hochwertiges Ambiente. Die Einzelsitze vorn und hinten lassen sich individuell einstellen und sind bei der Studie in unterschiedlichen Lederfarben bezogen. In Verbindung mit dem autonomen Fahren lassen sich die Frontsitze um bis zu 12 Grad drehen und schaffen so eine Lounge-Atmosphäre. Zusätzlich haben die Passagiere im Fond so einen freien Blick auf das Shared Experience Display, sollte ihnen das Angebot auf ihren an der Rücklehne der Vordersitze angebrachten Displays nicht ausreichen.

Performance - Zwei Varianten zum Produktionsstart

Zum Verkaufsstart im kommenden Jahr will Byton mit zwei unterschiedlichen Motorisierungen auf dem Markt kommen. Die Basis bildet ein Modell mit Hinterradantrieb, einer Batteriekapazität von 71 kWh und einer Höchstleistung von 200 kW/272 PS. Das maximale Drehmoment dieser mit einem Elektromotor ausgestatteten Variante beziffert der Hersteller mit 400 Newtonmetern, die Reichweite soll rund 400 Kilometer betragen. Darüber rangiert die Allradausführung, die 350 kW/476 PS und 710 Newtonmeter Drehmoment aus zwei getrennten E-Motoren generiert, deren Kraft auf alle vier Räder losgelassen wird. In diesem Modell beträgt die Batteriekapazität 95 kWh, die Reichweite gibt Byton mit 520 Kilometern an. Beide Modelle sollen ihre Batterien über Schnellladestationen innerhalb von 30 Minuten mit 80 Prozent der Kapazität aufladen können. Fahrwerte nennt der Hersteller zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht.

Für das Byton Concept habe die Chinesen eine eigene Plattform entwickelt, auf der in den Folgejahren weitere Modelle geplant sind. Für 2121 kündigt Byton eine Limousine an, der ein Jahr später ein siebensitziger Van folgen soll. Zu Verkaufsbeginn ist der SUV von Byton für das autonome Fahren auf Level 3 vorbereitet. Das bedeutet: der Fahrer kann seine Aufmerksamkeit sicher vom Verkehrsgeschehen abwenden, lesen oder einen Film ansehen. Das Fahrzeug wird selbstständig Situationen meistern, die eine sofortige Reaktion erfordern, beispielsweise eine Notbremsung. Der Fahrer muss trotzdem immer noch bereit sein, innerhalb einer vom Hersteller angegebenen begrenzten Zeit einzugreifen, wenn das Fahrzeug ihn dazu auffordert. Ab 2020 soll autonomes Fahren der Stufe 4 möglich sein. Das entspricht der Stufe 3, verlangt jedoch aus Sicherheitsgründen keine Aufmerksamkeit des Fahrers mehr.  Dieser kann während der Fahrt sicher schlafen gehen oder den Fahrersitz verlassen. Das Fahrzeug muss in der Lage sein, die Fahrt sicher zu beenden und selbstständig zu parkieren, sollte der Fahrer die Kontrolle nicht wieder übernehmen. Die dafür notwendige Hardware ist bereits zu Produktionsbeginn in jedem Byton verbaut. Zum Vergleich: Tesla arbeitet zur Zeit mit autonomen Fahren der Stufe 2.

Preis

Die Markteinführung des Byton soll im kommenden Jahr zuerst auf dem chinesischen Heimatmarkt erfolgen. Ein Jahr später startet der Export in die USA und nach Europa. Bereits bei der Vorstellung des Concepts auf der CES in Las Vegas nennt Byton klare Preisvorstellungen für sein Erstlingswerk. Und die klingen, sollten sie realisiert werden, wie eine klare Kampfansage an die Mitbewerber. Auf dem amerikanischen Markt beginnen die Preise bei 45.000,- US$, das entspricht zur Zeit etwa 37.600,- €. Zum Vergleich: ein zwar stärker motorisiertes Model X des amerikanischen Herstellers Tesla ist mit 80.000,- US$ (umgerechnet 66.865,- €) auf dem US-Heimatmarkt fast doppelt so teuer.

Gedanken des Autors

Mit Byton drängt ein weiteres Start-Up-Unternehmen auf den noch gar nicht so großen Markt der elektrischen Future Mobility. Das jetzt in Las Vegas gezeigte Konzept des ersten Autos der Chinesen macht einen durchdachten und produktionsfertigen Eindruck, der sicher auch und besonders Dank der Mannschaft aus erfahrenen ehemaligen BMW-i-Führungskräften entstanden ist. Sinnvoll und vernünftig erscheint auch, dass man sich bei Byton nicht von der bei Elektroantrieben relativ einfachen Möglichkeit astronomischer Leistungswerte verleiten ließ, sondern mit relativ zurückhaltenden Daten aufwartet, die im Bereich vergleichbarer Fahrzeuge mit konventionellen Benzinmotoren liegen und für die heutigen Verkehrsverhältnisse absolut ausreichend sind.

Es bleibt allerdings die Frage wie schnell sich nennenswerte Stückzahlen von einem Newcomer in der Automobilindustrie in akzeptabler Qualität produzieren und am Markt verkaufen lassen, um die Entstehungskosten von Produktionsanlagen und Fahrzeugentwicklung ansatzweise zu decken. Das vor nicht allzu langer Zeit gestartete Projekt von Faraday Future sei als mahnendes Beispiel genannt. Der ursprünglich anvisierte Produktionsstart sollte genau in diesem Monat erfolgen, bis jetzt ist jedoch nicht einmal die Produktion des mit großen Worten angekündigtem Modell FF überhaupt gesichert.

Weitere Fragezeichen stehen meiner Meinung nach hinter der immer größeren Menge an Daten, die in modernen Autos erfasst und verarbeitet werden. Ich frage mich ernsthaft, wozu mein Auto Daten über meinen Gesundheitszustand erfassen muss und auch, was mit diesen in einer Cloud gespeicherten Informationen passiert oder zumindest passieren kann. Ohne große Fantasie entstehen im Kopf Verbindungen zur Krankenkasse oder zur Autoversicherung, die dann daraus entsprechende Rückschlüsse auf die Tarife ziehen können. Ebenso sind Verbindungen zur Fahrzeugsteuerung denkbar. Ab einem gewissen Grenzwert in Blutdruck oder Herzfrequenz ist nur noch Fahren im autonomen Modus möglich. Noch ist das alles natürlich nur ein Hirngespinst eines einzelnen Redakteurs von carsdaily.de, die technischen Möglichkeiten und die immer weiter fortschreitende Vernetzung lassen dieses Hirngespinst jedoch in greifbarer Nähe erscheinen.

Bleibt zum Schluss meine bereits mehrfach geäußerte Skepsis gegenüber dem autonomen Fahren, die ich im Einzelnen nicht wiederholen will. Nur soviel: ich denke, wir sollten uns wieder darauf besinnen, im Auto auch das zu tun, wofür es erschaffen wurde, nämlich selbst, aufmerksam und eigenverantwortlich zu fahren. Telefonkonferenzen kann man ohnehin viel besser im Büro abhalten oder meinetwegen auch zu Hause. Filme dagegen genieße ich lieber auf Großleinwand im Kino als auf einem Display hinter dem Lenkrad.

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Quelle: Byton