Tinger Track 500 - Ungewöhnlicher Fahrbericht

Geschrieben von Kay Andresen am . Veröffentlicht in News

- Fünf Fahrzeuge in einem ATV-Konzept
- gebaut in Russland, ab jetzt hier erhältlich
- bislang noch keine Straßenzulassung



Fünf Fahrzeuge in einem – das will die russische Marke Tinger mit ihrem Track 500 anbieten. Das Vehikel soll ATV sein, als Schneemobil funktionieren, bei Bedarf einen kleinen Traktor ersetzen, sich als Sumpf-Buggy bewähren und zu guter Letzt auch als Boot herhalten. Tinger ist ein junges russisches Unternehmen, das das Fahrzeug seit acht Jahren mit wachsendem Erfolg auf dem Heimatmarkt anbietet. Derzeit werden in der Stahlstadt Cherepovetz zwischen Moskau und St. Petersburg rund 60 der ungewöhnlichen ATVs pro Monat gebaut. Im Programm werden auch radgetriebene ATVs mit sechs oder acht Rädern sowie entsprechende Anhänger geführt. Mit diesem ungewöhnlichen Gelände- und Amphibienfahrzeug auf Ketten erweitert nun Lada Deutschland sein Vertriebsprogramm, das radgetriebene Modell Armor soll Anfang 2016 folgen. Die Verkaufsprognosen beziffert Lada vorsichtig mit etwa 50 Fahrzeugen pro Jahr. Außer in der Land- und Forstwirtschaft sieht der Importeur weitere Zielmärkte für den Tinger beispielsweise als Einsatzfahrzeug für das THW, die DLRG oder die Bergwacht.

Exterieur

Wer dem russischen ATV das erste Mal begegnet wird sofort neugierig und möchte erfahren, was es mit dem für deutsche Augen ungewohnten Fahrzeug auf sich hat. Die Karosserie des Tinger Track ist in zweischaliger Wannenbauweise aus Kunststoff gefertigt. Sieht die offene und schmucklose Standardversion vor allem zweckmäßig und nach Arbeitsgerät aus, wirkt die Luxusversion mit Stoffverdeck, Zusatzscheinwerfern auf dem Dach und Seilwinde am Bug wesentlich freizeitorientierter. Ein bisschen kletterisches Geschick ist schon von Nöten, um den Innenraum des Tinger zu erreichen. Eine Stahlstange über den Kettenrollen erleichtert das Hochkommen für den Fuß. Wie der Fahrer dann die breite Bordwand überwindet und sich auf den Sitz dreht, erfordert ein bisschen Eingewöhnung.

Interieur

Auf den ersten Blick wirkt der Innenraum des Tinger sehr spartanisch. Eine Kunststoffwanne, darin mit schwarzem Kunstleder bezogene, erstaunlich bequeme Sitze. Das Ambiente weist eindeutig auf den Aufgabenbereich des Fahrzeugs hin. Alles ist strapazierfähig, unempfindlich gegen Dreck und Wasser und nach ausgiebigem Einsatz im Gelände einfach zu reinigen. Vor dem Fahrersitz ragt ein Motorradlenker auf, dahinter befinden sich Anzeigen für die wichtigsten Fahrinformationen sowie ein paar Warnleuchten und links an der Seite ein Schalthebel für die zusätzliche Untersetzung und den Rückwärtsgang des CVT-Getriebes. Sicherheitsgurte sucht man beim Track vergebens, Haltegriffe für den oder die Beifahrer müssen reichen.

Performance

Angetrieben wird das russische Arbeits- und Spaßmobil von einem Heckmotor. Er wird vom chinesischen Hersteller Chery zugeliefert. Der Dreizylinder mit 812 Kubikzentimetern Hubraum mobilisiert unter kernigem Auspuffklang 42 kW/57 PS und beschleunigt den Tinger Track 500 auf eine Höchstgeschwindigkeit von 35 km/h. Viel wichtiger als das erreichbare Tempo waren bei der Entwicklung des Tinger jedoch die Geländeeigenschaften. Dank des Antriebs durch Hartgummi-Ketten, zusätzlicher Untersetzung im Getriebe und einer Bodenfreiheit von 28 Zentimetern können sich dem kleinen Russen nur wenige Hindernisse wirklich in den Weg stellen. Im Ernstfall macht das knapp 900 Kilogramm schwere Multitalent, bei dem die Zahl 500 in der Typenbezeichnung für die Breite der Kette in Millimetern steht (es gibt auch ein 380er-Modell) auch vor Seen oder Flüssen nicht Halt. Durch die Konstruktion der Karosserie ist der Tinger voll schwimmfähig. Der Kraftstoffverbrauch wird mit durchschnittlich acht Litern pro Stunde angegeben. Die vielseitigen Fähigkeiten des ATV aus Russland zu nutzen ist in Deutschland zur Zeit noch nicht ganz einfach, denn so faszinierend es auch ist, es fehlt ihm leider (noch) die Straßenzulassung. Daher dürfte die Zahl der Käufer, die sich für das Gefährt als Freizeitmobil entscheiden, eher gering bleiben.

Preis

Der Tinger Track 500 ist ab sofort über die Deutsche Lada GmbH mit Sitz in Buxtehude bei Hamburg bestellbar. Die Preise für das Standardmodell beginnen bei 14.990,- € (inkl. MwSt.).

Fahrbericht

Fast harmlos sieht er aus, der Tinger Track 500, wie er am Rande der Kiesgrube in Buxtehude auf die erste gemeinsame Ausfahrt wartet. Vor dem Start dazu steht noch der Einstieg ins Cockpit des russischen ATVs, der sich etwas schwierig gestaltet. Den linken Fuß auf die Stahlstange unterhalb der Kette gestellt, dann im Bogen in den Innenraum. Ok, bin angekommen. Jetzt mit den ungewöhnlichen Bedienelementen vertraut machen. Vor dem Fahrer ein motorradähnlicher Lenker anstelle eines Lenkrads. Der freundliche Techniker von Lada Deutschland, dem Importeur des Tinger, erklärt die Bedienung. Gas gegeben wird wie bei einem Motorrad mit der rechten Hand an einem Drehgriff. Gebremst wird, wenn überhaupt nötig, mit der linken Hand am Lenker. Doch in den meisten Situationen reicht es, einfach Gas wegzunehmen und der Tinger steht. Die Füße haben Pause. Gesteuert wird der Tinger mit dem Motorradlenker, der je nach gewählter Richtung den linken oder rechten Kettenantrieb ziemlich abrupt blockiert. Entsprechend kernig geht's um die Ecken. Auf diese Weise sind sogar Richtungsänderungen auf der Stelle möglich – sagt der freundliche Lada-Mann, doch dazu später mehr.
Hört sich alles ganz einfach an, aber bei der ersten Fahrt hoppelt der Tinger wie ein Kaninchen mit Frühlingsgefühlen. Es braucht doch etwas mehr Zeit, bis der PKW-ge- beziehungsweise verwöhnte Fahrer und der kleine Russe sich angefreundet haben. Danach macht's richtig Spaß. Die Höchstgeschwindigkeit des Tinger von 35 km/h fühlt sich auf der Teststrecke in der Kiesgrube viel schneller an, wenn das Fahrzeug durch den Schlamm pflügt. Ein größeres Wasserloch am Grund der Grube lädt ein, die Schwimmfähigkeit des ATVs aus Russland zu testen. Langsam anfahren, damit das Waser nicht in den Innenraum schwappt, dann einfach am Gashahn drehen und der Tinger fährt erst durch's Wasser, dann schwimmt er auf. Die Ketten sorgen auch im Schwimmbetrieb für ausreichend Vortrieb. Aus dem Wasserloch geht’s am Hang der Grube auf einen etwa 45 Grad steilen Aufstieg. Verspürt der Fahrer auf Grund der Steigung am Anfang noch ein mulmiges Gefühl, ist dieses Augenblicke später verflogen, denn ohne Probleme ziehen die Ketten den Tinger den Berg hoch. Bergab geht’s ohne Gas und Bremse genauso souverän, sodass man mehr und mehr den Eindruck gewinnt, dass nicht das Fahrzeug, sondern der Mut des Fahrers die Grenzen des Einsatzes setzt. Zum Schluss nochmal das mit den Richtungsänderungen auf der Stelle probiert – es funktioniert. Solche Donuts bekommt nicht einmal Sebastian Vettel hin...

Quellen: Tinger Deutschland und Kay Andresen