Splinter - Supersportwagen aus Holz

Geschrieben von Matthias Kierse am . Veröffentlicht in News

- Splinter besteht fast vollständig aus Holz
- von fünf US-Design-Studenten gestaltet
- von Hand erbaut in 7-jähriger Arbeitszeit
- sieben Liter großer V8-Motor mit 680 PS
- Europapremiere auf der Essen Motorshow



Im Rahmen der Essen Motorshow 2015 erfolgt die Europapremiere eines wohl einmaligen Sportwagenprojekts. 2007 taten sich einige Studenten der North Carolina State University zusammen, um als Abschlussarbeit zum Thema "Umgang mit dem Werkstoff Holz" ein Auto auf die Räder zu stellen. Nicht irgendeines, sondern einen rassigen Sportwagen, der auch aus eigener Kraft fahren sollte. Dass dabei passend zum Arbeitstitel viel mit Holz gearbeitet wurde, versteht sich von selbst.

Dabei wurden ganz bewusst die Grenzen der normalen Gedankenwelt verschoben, wenn man sich mit Holz im klassischen Sinn beschäftigt. Wer würde schon auf die Idee kommen, sowohl das Chassis als auch die Räder und die Karosserie eines Supersportwagens aus dem natürlichen Rohstoff zu erstellen? Andererseits gehörte Holz im Flugzeugbau lange Zeit zu den typischen Werkstoffen und wurde erst nach dem zweiten Weltkrieg durch Aluminium verdrängt. Als Inspiration für den "Splinter" (zu deutsch "Splitter") getauften Sportler diente daher auch die Havilland Mosquito, die dank zweier Rolls-Royce-V12-Flugmotoren zu den stärksten konventionell angetriebenen Flugzeugen der Kriegszeit zählte.

Für das Chassis des Splinter wurde verleimtes Holzfurnier herangezogen, das an den jeweiligen Enden durch Leim und Schrauben miteinander verbunden wurde. Auch die Achsausleger bestehen aus Furnierholz, ebenso wie die querliegenden Blattfedern und die Lenksäule. Eine besonders aufwändige Arbeit sind zweifelsfrei die Räder. Hier griffen die Studenten auf polierte Felgenringe zurück und bauten aus Holz die Speichen nebst Radnaben. Dabei kam eine Fräse zum Einsatz, die den jeweiligen Rohling und weitere Kleinteile aus Eiche ausschnitt. Anschließend erhielten die Rohlinge Details in dunklem Kirsch- und Walnussholz. Jedes Rad besteht aus 275 Einzelteilen.

Während der Designprozess und erste Umsetzungen noch in die Studienabschlussarbeit der fünf Studenten rund um Joe Harmon einfließen konnten, gestaltete sich der restliche Aufbau des Splinters langwieriger als gedacht. Der Industriedesigner ließ sich jedoch nicht unterkriegen und baute über rund sieben Jahre kontinuierlich weiter an seinem Holz-Traumwagen. Viele der dafür benötigten Werkzeuge und Holzteile wurden dabei von Sponsoren gestiftet, die von dem ungewöhnlichen Projekt gehört hatten und sich gern beteiligen wollten.

Die Karosserie des Splinter besteht aus miteinander verwobenen Kirschholzstreifen mit einem Unterbau aus Balsaholz. Bei geringer Entfernung zum Fahrzeug ergibt sich dabei eine Optik, die eher an braun eingefärbtes Sichtcarbon als an Holz erinnert. Für die Erstellung der Karosserieteile fertigte das Team rund um Joe Harmon aus einem Rotholz-Block die genaue Karosserieform und nahm anschließend von dieser die Negativformen ab. Diese wurden mit dem Holzgewebe ausgelegt, das mit einem speziellen Resin-Kleber getränkt war und anschließend im Autoklav unter Vakuum und Wärme ausgehärtet wurde.

Direkt hinter den beiden mit Ledergeflecht bezogenen Sitzschalen befindet sich der Motorraum, in dem ein sieben Liter großes GM-V8-Triebwerk aus einer Corvette lautstark von seiner Leistung kündet. Joe Harmon spricht von "über 650 PS", vermutet selbst einen Wert von rund 680 Pferdestärken. In Verbindung mit einem Leergewicht von lediglich 1.134 Kilogramm würde diese Motorleistung vermutlich für hervorragende Fahrwerte ausreichen - allerdings wird der Splinter seine Leistungsfähigkeit voraussichtlich niemals unter Beweis stellen dürfen. Erstens hat der Wagen keinerlei Straßenzulassung und zweitens ist er viel zu wertvoll, um ihn bei einem solchen Versuch auf's Spiel zu setzen. Harmon spricht jedoch aufgrund der Aerodynamik und der Getriebeabstufung von "möglichen 390 km/h".

Wenn Sie Interesse daran haben, den Splinter einmal live zu sehen, haben Sie dazu zwischen dem 27.11. und 6.12. auf der Motorshow in Essen Gelegenheit. Für alle anderen haben wir bei unserem Fototermin ein kleines Video erstellt, bei dem der Wagen auch in Bewegung zu sehen ist.

Fotograf: Matthias Kierse