Fahrbericht: McLaren 570S

Geschrieben von Matthias Kierse am . Veröffentlicht in Fahrberichte

- Über 600 Kilometer im 570S an einem Tag
- durch 5 Länder, unter Ärmelkanal hindurch
- Beweis für Reisekomfort des Sportwagens
- sportliches Handling dank präziser Lenkung
- zu jedem Zeitpunkt Leistung vorhanden


Es gibt so Tage, an denen man am Schreibtisch sitzt und sich fragt, ob der zurückliegende Zeitraum ein schöner Traum oder tatsächlich Realität war. Auf kurzfristigste Art und Weise - am Nachmittag vorher - erhielt die carsdaily.de-Redaktion eine Einladung nach Woking in Großbritannien. Nein, nicht um über Auswirkungen des Brexit zu diskutieren und auch nicht als Urlaubsreise, sondern um direkt wieder abzufahren. Sinn der Übung war die Abholung eines Testwagens.

Bei diesem Fahrzeug handelte es sich nicht um einen x-beliebigen Kleinwagen. Fans der Marke und Autokenner werden es bei der Nennung des Ortes bereits erahnt haben und auch die Überschrift des Artikels sowie unsere Bildergalerie verraten es: Wir durften einen McLaren 570S auf eigener Achse nach Deutschland bringen. Bis zur Redaktion in Düsseldorf sind es vom McLaren Headquarter in Woking ziemlich genau 600 Kilometer zuzüglich der Zugfahrt durch den Eurotunnel. Zeit genug also, um die Qualitäten der 'Sports Series' des britischen Sportwagenbauers einmal hautnah zu erfahren.
 
600 Kilometer im Sportwagen an einem Tag? Ja, bitte!
Üblicherweise würden manche Leser vor der Vorstellung vielleicht zurückschrecken, eine so lange Strecke mit einem reinrassigen Sportwagen zurückzulegen. Doch genau darin lag unser Interesse, immerhin preist McLaren die Modelle der Sports Series - also 540C, 570S und 570GT - ganz gezielt als alltagstauglich und komfortabel an. Doch vor der Fahrt stand erst einmal die Anreise per Flugzeug. Auch hier stießen wir auf drei Zahlen und einen Buchstaben, allerdings in anderer Zusammensetzung: A320. Ein Vergleich der beiden Konzepte erübrigt sich nicht nur beim Blick auf Preis oder Sitzplatzanzahl: Auf direkter Luftlinie schafft der Airbus die Strecke Düsseldorf - London je viermal am Tag in beide Richtungen. Da kommt dann selbst der McLaren auf dem Landweg nicht gegen an.

Dabei stören vor allem die strengen Tempolimits in Großbritannien (70 mph, was rund 112 km/h entspricht), Frankreich (130 km/h), Belgien (120 km/h) und den Niederlanden (130 km/h). Die Autobahnen dieser Länder legt man in einem Reisefahrzeug daher am besten ruhig und besonnen zurück. Wenn wie im McLaren 570S viel Leistung und ein Tempomat vorhanden sind, amüsiert man sich sogar ein wenig über deutlich schwächer motorisierte Mitreisende, die unbedingt überholen müssen, um einmal im Leben einen Sportwagen übertrumpfen zu können.

Erstaunlich hoher Federungskomfort
Somit bleibt für den überwiegenden Teil der Reise eigentlich nur eines und das auch erst im Rückblick: Das Erstaunen über den Fahrwerkskomfort, den der 570S an den Tag legt. Selbst auf schlechtesten Fahrbahnen, Brückenfugen oder Spurrillen lässt sich der Wagen nicht aus der Ruhe bringen, federt den Großteil der Störfaktoren sauber weg und lässt nur einen Bruchteil zum Fahrer durchdringen. Es gibt zweifelsfrei Mittel- und Oberklasselimousinen, die in dieser Disziplin eher an ihre Grenzen kommen - ohne dabei ein Sportfahrwerk an Bord zu haben. Gleichzeitig lässt der Brite an seinen sportlichen Genen zu keiner Zeit Zweifel aufkommen. Die Lenkung ist direkt und präzise, läd quasi zur Suche nach der imaginären Ideallinie ein, die man jedoch im öffentlichen Straßenverkehr auf der Autobahn tunlichst nicht aufsuchen sollte.

Dazu gesellt sich der 3,8 Liter große V8-Biturbomotor in Verbindung mit einem Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe. Auf den weiter oben beschriebenen Autobahnetappen in unseren Nachbarländern sowie auf der Atlantikinsel befand sich dieses überwiegend im Automatikmodus, schaltete ratzfatz in den siebten Gang hoch und verharrte dort im Bereich zwischen 1.500 und 2.500 Umdrehungen pro Minute, je nach möglichem Tempo. Mit anderen Worten: Der McLaren langweilte sich fühlbar. Dafür hielt sich der Verbrauch in erfreulich engen Grenzen. Offiziell spricht McLaren von 11,1 Litern Durchschnittsverbrauch auf 100 Kilometern. Bei unserer Fahrt, die mit vollem Tank begann, kamen wir bis kurz vor den niederländisch-deutschen Grenzübergang und hatten laut Bordcomputer noch 15 Prozent Tankinhalt. Aufgrund der bevorstehenden Etappe auf nicht limitierten deutschen Autobahnen wurde dies jedoch noch schnell auf 75 Prozent aufgestockt, um nicht mitten im Geschwindigkeitsrausch auszurollen.

Zu jeder Zeit reichlich Leistung vorhanden
Fraglos warteten die 419 kW/570 PS im Achtzylinderblock des McLaren bereits den ganzen Tag auf diese paar Kilometer bis nach Düsseldorf, auf denen sie endlich zeigen konnten, zu welchen Fahrleistungen sie im Stande sind. Das gewaltige Drehmoment in Höhe von 600 Newtonmetern hatte im Vorfeld bereits bei einigen Überholmanövern aufgezeigt, dass es annähernd egal ist, welchen Gang man gerade eingelegt hat. Leistung ist vorhanden und kann bei Bedarf auf Abruf schnell zur Verfügung gestellt werden. Ein minimales Turboloch ist dabei hier und da zu spüren, steht jedoch in keinerlei Vergleich zu jenen legendär gewordenen ersten Serienautomobilen mit dieser Aufladetechnik, bei denen man gefühlt noch eine Tasse Kaffee genießen konnte, bis die Motorkraft mittels Faustschlag über die Fahrzeugbesatzung hereinbrach.
 
Auf die Werksangabe von 328 km/h Höchstgeschwindigkeit kamen wir mangels Auslauf diesmal nicht - 315 mussten reichen. Allerdings machte der 570S selbst bei diesem Tempo klar, dass noch Luft nach oben bestand. Auch die Beschleunigungszeiten oder den Bremsweg haben wir verständlicherweise im öffentlichen Verkehr nicht messen können und wollen. Dafür sind abgesperrte Testgelände da, auf denen diese Übungen mehrfach hintereinander durchgeführt werden können. Für uns blieb es eine Fernreise mit Fahrfreude, vielen hoch gereckten Daumen und noch mehr erhobenen Smartphones. Wer weiß, in wievielen sozialen Netzwerken unsere Fünf-Länder-Tour gelandet ist. Bemerkenswert dabei ist die hohe Akzeptanz des Wagens, die man beim Grundpreis von 181.750,- € (inkl. MwSt.) so nicht unbedingt in allen Gesellschaftsschichten erwarten würde.
 
Auch wenn es eine sehr kurzfristige Aktion war: wenn wieder mal schnell ein Testwagen abgeholt werden soll, sind wir auf jeden Fall gern dabei.

Warum der 570S ein besonderer Sportwagen ist - Kommentar unseres Redakteurs Martin Englmeier

Die Luft am Gipfel der Supersportler ist dünn. Alle haben Leistung bis zum Abwinken und beinahe jeder erreicht Kurventempi jenseits von gut und weit im Bereich von böse. Landstraßen werden eher niedergeprügelt als erobert. Die Sports Series von McLaren ist da keine Ausnahme. Die Engländer ziehen alle technische Register und zeigen wie man auch in dieser Klasse ein lupenreines Fahrerauto baut.

Perfekte Ergonomie
Jeder Winkel ist auf den Fahrer ausgerichtet, konzentriert, fokussiert. Die Sitzposition zeigt sich tief, kompakt und enorm übersichtlich. Knapp über der Fahrbahn lässt sich jeder Grashalm, jede Fahrbahnmarkierung ins Visier nehmen. Die hydraulische Lenkung lässt keine Fragen offen. Man hat alles sprichwörtlich im Griff. Es fühlt sich alles so spielerisch und natürlich an. Der McLaren ist leicht, ungeheuer schnell und verdammt kompetent. Daran gibt es nie auch nur den geringsten Zweifel.

Gefühlte Fahrdynamik
An der Vorderachse schneiden vergleichsweise schmale, jedoch sehr leichte 225er Pneus durch den Grenzbereich. Frei von jeglichen mechanischen Sperren lenkt der 570S präzise direkt ein und neigt an der Haftgrenze ganz zart zum Untersteuern. Selbiges lässt sich mittels Gaslupfer korrigieren. Unter Schub feuert der V8 brutal aber doch freidrehend nach vorne und überfordert auch gerne mal die Hinterräder. Immer aber fühlt sich der Fahrer voll in das Carbon-Chassis integriert und kann je nach Können und Motivation mehr oder minder auf die umfangreichen Fahrhilfen vertrauen.

Der perfekte Sportwagen immer und überall
Wie unserem Bericht zu entnehmen taugt der McLaren auch als Langstreckensportler und doch bietet er bei Gelegenheit eine derartig intuitive Fahrdynamik, wie sie in dieser Leistungsklasse eigentlich kaum noch zu erwarten ist. Selbst zügiger Galopp bereitet pure Freude am Fahren. Er schreit nicht ganz so zornig wie ein italienisches Pferd und präsentiert sich deutlich auffälliger als ein Porsche 911 Turbo. Aber als Traumauto für jeden Tag landet das Supertalent 570S unserer Meinung nach trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb ganz weit vorn.

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Fotograf: Matthias Kierse
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