Fahrbericht: Porsche 718 Boxster S

Geschrieben von Martin Englmeier am . Veröffentlicht in Fahrberichte

- Diverse Eindrücke des neuen 718 Boxster S
- deutlich sportlicher abgestimmtes Fahrwerk
- weniger laut, aber weiterhin guter Sound
- reichlich Leistung in jeder Drehzahl-Lage
- inklusive Durchzugsvideo von 190-296 km/h


Porsche Boxster 718 S: Sang- und klanglos?
Knapp 20 Jahre nach der Weltpremiere des ersten Boxster (Typ 986) wagt Porsche nun tatsächlich den großen Schnitt. Statt sechs Zylindern werkeln nur noch vier hinter den Sitzen. In der Fachpresse ist der Aufschrei so groß wie noch nie. Blutleer und austauschbar würde der neue 718 klingen. Er sei endgültig so etwas wie der 'Hausfrauenporsche'. Nach zwei Wochen in einem 718 Boxster S schildern wir unsere Eindrücke um den höchst umstrittenen Sportler.

Vorgänger 981 mit Schwächen
Nennen wir die Dinge doch gleich mal beim Namen. Der direkte Vorgänger, Boxster S und Cayman S der Baureihe 981, war bei Licht betrachtet nicht unbedingt der gelungenste Spross aus der erfolgsverwöhnten Edelschmiede. Viel zu lang übersetzt und mit wenig Spannung im Durchzug fuhren einem die Focus, TT und sonst noch RS reihenweise formatfüllend in den Rückspiegel.

Selbst das Fahrverhalten war beileibe nicht so feinfühlig, wie es so manche romantische Erinnerung hergibt. Die elektromechanische Lenkung Generation 1.0 machte um die Mittellage stets den Eindruck, als müsste man eine imaginäre Feder überwinden, um sich wirklich bis zu den Vorderrädern durchzufühlen. Der Klang freilich zauberte zuverlässig Wolllust ins Ohr.  Selbigen Tenor beherrscht der Neue nicht. Aber er kann alles andere besser.

718 mit Liebe zum Detail konstruiert
Es beginnt schon beim Innenraum. Das kompakte GT-Lenkrad liegt endlich sportlich filigran in der Hand. Ein entstaubtes, rundum modernisiertes Infotainmentsystem löst das peinlich steinzeitliche PCM ab. Verarbeitung, Sitzposition und Ergonomie waren vorher schon gut, sind aber nun nochmals im Detail optimiert. Viele Verbesserungen erbt der 718 vom 991.2. Das PDK schaltet nun im manuellen Modus nicht mehr selbstständig runter und das Schaltschema am Ganghebel funktioniert so, wie es schon immer hätte sein sollen: Nach vorne zurück und nach hinten hoch.

Wie viel Mühe sich die Ingenieure gemacht haben wird auch deutlich, wenn man unter das Fahrzeug kraxelt. Der Turbolader sitzt deutlich sichtbar direkt am Unterboden. Selbst in einem Rennwagen könnte man den Schwerpunkt nicht viel tiefer legen. Die Balance des Wagens ist so ausgeglichen, dass vorne wie hinten mit dem gleichen Luftdruck gefahren wird. So etwas findet man bei einem Mittelmotorsportler ähnlich selten wie eine Skidurchlade.

Sehr neutrales, agiles Handling
Dementsprechend ultraneutral fetzt der 718 um Ecken jeder Art und das auch flacher über dem Asphalt als je zuvor. Zum ersten Mal nämlich bietet Porsche nun auch bei Boxster und Cayman ein PASM Sportfahrwerk mit 20 Millimetern Tieferlegung an. Seitenneigung existiert damit praktisch nicht mehr, Fahrkomfort aber sehr wohl. Zumindest in der weichen, nun erweiterten Dämpfereinstellung. Dieses Auto beherrscht fahrdynamisch wirklich alles.

Auch Querfahren. Wie aus den technischen Daten zu entnehmen, schiebt der 2,5 Liter große Turbomotor mit variabler Turbinengeometrie (VTG) schon bei niedrigen Drehzahlen mit viel mehr Newtonmetern nach vorne als die Sauger-Luftpumpe des Vorgängers im Maximalwert. Weil der 718 Boxster S nun endlich auch angemessen kurz übersetzt ist, lassen sich die Hinterräder auf Abruf mit einer ordentlichen Fülle Kraft überfallen. Es schlupft sich dann recht zügig Richtung Kurvenausgang, vor allem wenn wie in unserem Testwagen kein Torque Vectroring (PTV) und somit auch keine Sperre an Bord ist.

Druck in jedem Drehzahlbereich
Überhaupt die Kraft, diese Energie, dieser Nachdruck. Er geht einfach verdammt gut. Genau genommen identisch wie ein seliger 993 Turbo, nur fast ohne Turboverzögerung. In jedem Drehzahlbereich spannt der geladene Vierer seine Muskeln und dreht dabei auch höchst munter bis zumindest etwa 500 U/min unterhalb der Maximaldrehzahl von 7.500. Das gebotene Kraftband ist ausgiebig breit und bis in die höchste Vmax-Stratosphäre auch namhafter Konkurrenz gewachsen.

Aber er klingt ja nicht so gut. Lamentieren zumindest die, die glauben es wissen zu müssen. Doch was bedeutet eigentlich ein schöner, emotionaler Motorklang? Der Boxer-Vierzylinder spricht zumindest eine authentische und angenehme Sprache. Er verheimlicht seine Herkunft nicht und versteckt sich auch nicht hinter künstlich lauten Stößen beim Gangwechsel. Natürlich tönt es ein wenig nach VW Käfer mit Bassnote. Aber ein Porsche 356 konnte auch nicht viel höher singen.

Fazit: Nahe am perfekten Alltagssportler
Es müssen ja auch nicht immer die berühmtesten Fanfaren aus Zuffenhausen sein.  Manchmal will man einfach auch nur angenehm und souverän von A nach B fahren. Der 718 Boxster S serviert seinem Piloten endlich jene Autorität die seinen gezügelten Vorgängern abging. Die Fahrleistungen sind fast identisch mit dem 991 Carrera. Querdynamisch beherrscht der 718 trotzdem das ganz große Ballett. Bremsen, Lenken, Gas lupfen - der Pilot spürt und fühlt den Mittelmotorporsche jetzt noch schärfer als vorher.

Der Bericht liest sich also beinahe wie ein Werbebeitrag. Nicht ein einziger ernsthafter Kritikpunkt lässt sich festmachen am 718 Boxster S, Doch dieser Fahrbericht ist nicht gesponsert und das dargestellte Auto nicht einmal ein Pressewagen. Der Neue mit dem Vierzylinder ist objektiv der beste Boxster aller Zeiten und zum ersten Mal eine eigenständige Alternative zum Basis-911er.  Also Schluss mit dem bauernschlauen Lamentieren und Weinen. Nimmt den 718 und lässt ihn fliegen, er kann es. Auch ohne Geschrei.
 
Technische Daten im Vergleich
  718 Boxster S Boxster S (981) 991.2 Carrera Cabrio
0-100 km/h 4,2 Sekunden 4,8 Sekunden 4,4 Sekunden
0-160 km/h 9,2 Sekunden 10,7 Sekunden 9,6 Sekunden
80-120 km/h 2,8 Sekunden 3,2 Sekunden 2,8 Sekunden
Vmax 285 km/h 277 km/h 290 km/h

Im folgenden Video kann man den Durchzug von rund 190 auf 296 km/h sehen.


Fotograf: Martin Englmeier
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