Fahrbericht: Abarth 124 Spider - Der Witzbold

Geschrieben von Martin Englmeier am . Veröffentlicht in Fahrberichte

- Reines offenes Spaßmobil von Abarth
- 124 Spider will nur Freude bereiten
- Sportwagen ohne Rundenzeitengedanken
- brüllend laut ohne Dröhngeräusche
- das Grinsen lässt sich nicht unterdrücken
 


Haben Sie heute schon herzlich gelacht, sich amüsiert? Nein? Dann sind sie vermutlich kein Besitzer eines Abarth 124 Spider. Der kleine offene Italiener mit japanischen Wurzeln ist nämlich ein Typ, der sich selber nicht so ernst nimmt. Es folgen einige Ausschnitte aus der Pressemappe:

Ernsthafter Supersportler?
Der Wagen biete "alle Qualitäten eines Supercars". Begründet wird dies unter anderem mit dem Fahrwerk inklusive mechanischer Sperre und natürlich den voluminösen 170 PS Leistung auf der Hinterachse. Auch das Verhältnis von Innenraum zu Motorhaube wäre mit einem "reinrassigen Rennwagen" vergleichbar. Deshalb ist ja auch die mattschwarz lackierte Motorhaube zu haben, um etwaige Reflexionen zu unterbinden. Wie damals am Col de Turini halt, sie wissen schon.

Aber ganz ehrlich: Es gibt doch wirklich genügend vernünftige, anständige Autos. Sogar ernste Sportwagen. Obwohl so ein nutzloser Zweisitzer in erster Linie Spaß machen muss. Erst dann kommen die anderen Werte wie Image oder Nordschleife. Der Abarth 124 Spider mit seinen falschen Lufteinlässen, dem Vierrohr-Auspuff und dem Skorpion-Logo an allen Ecken kümmert sich um Rundenzeiten einfach überhaupt nicht. Und das ist auch gut so.

Krawallschachtel
Der Abarth will auch gar nicht den puristischen Leichtbausportler spielen, wie der technisch verwandte MX-5. Statt einem Saugmotor aus Alu sitzt hier die Multiair-Maschine mit Graugussblock und rund 50 Kilogramm Zusatzgewicht auf der Vorderachse. Aber "Record Monza" klingt dafür einfach viel erotischer als "ZoomZoom". Und ehrlich gesagt, welche Töne die Italiener aus so einem Motörchen zaubern, ist einfach absolut sensationell.

Es gurgelt, röhrt und singt aus den Endtöpfen mit Krawall aber ohne die sonst üblichen Dröhnfrequenzen. Wenn sich dann auch noch bei 3.000 U/min der Turbolader über den Antriebsstrang stürzt, kann man sich den Fahrspaß endgültig nicht mehr verkneifen. Man fühlt sich zurückversetzt in die Zeit als 6,8 Sekunden von null auf 100 km/h noch wirklich schnell waren und man bei Tacho 240 stolz die Lichthupe bemüht hat.

Stets wackelt der Hintern
Damit macht man sich heutzutage natürlich eher lächerlich. Womit wir wieder beim Thema wären: Lachen. Und in der Kurve geht’s dann auch erst richtig los mit dem Spaß an der Freud. Die Abarth-Techniker haben das Fahrwerk der Miata-Plattform komplett neu abgestimmt. Die Lenkung ist etwas indirekter, die Federraten und Stabilisatoren sind strammer und serienmäßig sind die griffigeren Bridgestone Potenza RE050A Pneus montiert, während der MX-5 mit Potenza S001 auskommen muss.

Fährt sich der Fiat, ähm, Abarth somit völlig anders? Nun ja, eigentlich überhaupt nicht, die Unterschiede sind marginal. Hier wie dort kippelt es gewaltig in der Kurve und das Heck fühlt sich zum Ausbrechen aufgefordert, wenn man den Begriff 'Übersteuern' auch nur denkt. Selbst in schnellen Ecken scheint sich grundsätzlich das gesamte Fahrzeuggewicht am kurvenäußeren Hinterrad abstützen zu wollen. Der Fahrer kriegt das auch richtig mit, schließlich kauert er hinter der Rennwagenmotorhaube quasi direkt vor der Hinterachse.

Spaßmobil
Kurvenräubern - kaum ein modernes Auto verinnerlicht diesen Begriff noch so selbstverständlich, wie dieser flache Witzbold. Die bemerkenswert langsame Lenkung lädt zum Rudern und Arbeiten ein. Jede nächste Biegung geht noch querer und schräger, stets begleitet von lautstarkem Gerödel aus den Endrohren. Wirklich schnell ist das nicht und man könnte dem Abarth nicht einmal eine besonders tolle Rückmeldung attestieren.

Aber das Grinsen geht einfach nicht weg. Erst Recht nicht, wenn man sich in die Bicolor-Ledersessel lümmelt, die zwar null Seitenhalt bieten, aber unverschämt bequem sind. Man hat sich eh schon in diese Kabine reingefaltet, gefühlte zwei Zentimeter über dem Asphalt, die Armaturen und die Frontscheibe direkt vor der Nase. Ein Griff und das Verdeck ist geöffnet und umgeklappt, die Sonne scheint auf den Kopf und ins Gemüt. Kann Autofahren noch mehr Spaß machen?
 
Betont unvernünftig
Okay, gut, wir wollen nicht übertreiben. Die zähe Leistungsentfaltung oberhalb von 6.000 U/min nervt dann doch ein wenig. Man überlegt es sich somit etwas früher, die Übersetzung zu wechseln. Sowohl Fahrwerk als auch Motor sind mit Ihrem Können halt relativ schnell am Ende. Für ein sportliches Auto mit gut 40.000,- € Grundpreis ist das nicht wirklich erfüllend, oder?

Sei’s drum. Wer kauft schon einen Sportwagen rational, streng nach Zahlenwerk? Selbst der MX-5 will unbedingt mit seinem niedrigen Gewicht kokettieren, opfert dabei aber wichtige Dinge wie Verwindungssteifigkeit und Flair. Alles ganz nett, aber kein Grund sich den Wagen ans Herz zu heften. Es sei denn, man ist noch nie ein richtiges Spaßmobil gefahren. So wie den Abarth 124 Spider.

Wissenswertes
- vergleicht man die leichtesten Versionen von Mazda MX-5 160 und Abarth 124 Spider liegt der Gewichtsvorsprung des Japaners bei 60 Kilogramm laut Werksangabe
- der Abarth verwendet das Schaltgetriebe aus der dritten Generation des Mazda MX-5, im direkten Vergleich ist es minimal knochiger zu schalten
- auf den meisten Rennstrecken ist der MX-5 in Tests etwas schneller als der Abarth
- der MX-5 hat an der Vorderachse Bremsen mit 290 mm Durchmesser, beim Abarth sind es nur 280 mm
- die Rallyeversion des Abarth 124 Spider feiert bei der Rallye Monte Carlo ihr Debüt
- unter der Haube des Rallyeautos werkelt ein 2-Liter-Turbomotor mit rund 300 PS

Kennen Sie schon die carsdaily.de Seite auf facebook? Dort werden Sie über alle neuen Artikel informiert und erhalten Live-Bilder von Veranstaltungen und Messen. https://www.facebook.com/carsdaily.de

Fotografen: Martin Englmeier (14 Fotos), Matthias Kierse (7 Fotos)

 

Wir verwenden Cookies um die Darstellung unserer Webseite auf allen möglichen Endgeräten bestmöglich zu gewährleisten. Durch das anklicken von uns in Beiträgen verlinkten YouTube-Videos werden personenbezogene Daten (Beispielsweise Ihre IP-Adresse, Standortinformationen, Browserversion, Betriebssystem usw.) an den anbieter übermittelt. Bitte stimmen Sie der Verwendung von Cookies durch unsere Webseite zu. Die Übertragung Ihrer Daten wird vom jeweiligen Anbieter (Youtube, Facebook, Google, Instagram usw.) direkt eingeleitet und nicht von Carsdaily selbst übermittelt.