Fahrbericht: Porsche Cayman GT4

Geschrieben von Martin Englmeier am . Veröffentlicht in Fahrberichte

- Langzeiterfahrung mit dem Cayman GT4
- Zwischenfazit nach über 10.000 Kilometern
- wendigster GT-Porsche der Modellpalette
- Werkseinstellung des Fahrwerks sehr gut
- lediglich elektrische Lenkung als Kritikpunkt


Unsere Überschrift ist natürlich eine sichtliche Provokation. Aber nach über 10.000 Kilometern mit dem beflügelten Renner erlauben wir uns, diese Frage stellen zu dürfen. Inzwischen ist die Produktion eingestellt und die Aufpreise am Gebrauchtwagenmarkt sind weiterhin beachtlich. Aber ist es der GT4 wirklich wert? Oder lohnt es sich doch nach einem 'ergrauten' echten GT3 Ausschau zu halten? Folgender Erfahrungsbericht versucht eine Einordnung.

Ab Werk Rennstrecken-tauglich
Ob in Malmedy, Adenau oder Ketsch. Überall hört man sie röhren. Die Porsche aus Flacht mit dem GT-Zeichen am Heck. Bislang hat man diese Auszeichnung nur den echten 11ern verliehen. Doch nun räubern auch die Cayman stolz über die Curbs. Mit 380er Bremsscheiben rundum serienmäßig, Helper-Springs, adjustierbarer Aerodynamik und eben solch einstellbaren Fahrwerk.

Überhaupt die Fahrwerkseinstellung: Die Michelin Pilot Sport Cup 2 bieten wirklich klebrige Haftung und sind selbst bei Nässe nicht rallyescheinpflichtig  Über den richtigen Sturz an der Vorderachse kann man sich trotzdem krumm und schief diskutieren. Der allgemeine Konsens unter GT4-Piloten moniert ja tatsächlich etwas zuviel Untersteuern. Stabi vorn weich und hart hinten ("Walter Röhrl Setup") soll diese Unsportlichkeit austreiben. Aber braucht es das wirklich?

Enorme Agilität
Natürlich nicht. Der GT4 ist ein vollumfänglich durchdachtes Sportgerät. Er gibt dem Fahrer alles mit, was er zum Schnellfahren braucht und wünscht. Die Serieneinstellung empfiehlt eine neutrale, dem größeren 991 GT3 ähnliche Fahrwerkseinstellung mit je -1,3 Grad negativem Sturz pro Rad. Mit einem ausgewogenen Setup an Vorder und Hinterachse fährt sich der GT4 bemerkenswert neutral.

Unglaublich gefühlvoll und mächtig spät lässt sich der GT4 in den Kurveneingang hineinbremsen. Sofort wieder unter Zug balanciert man die Hinterreifen exakt an den gewünschten Gierwinkel heran. Der Sauger hängt blitzartig am Gas und ergibt mit der festen mechanischen Sperre ein perfektes Team. Alles passiert exakt, schnell und mit einer schlicht überragenden Agilität um die Hochachse.
 
Typischer Porsche-Klang
Der GT4 lenkt besser ein als der 997 GT3 RS und baut auf der Vorderachse mehr Grip auf. Dafür liegt das Heck beim Kurvenausgang nicht ganz so festgenagelt am Asphalt. Die Lastwechselreaktionen fallen spürbar geringer aus, was dem 'kleinen GT' vor allem an den sehr schnellen Passagen auf der Nordschleife durchaus Vorteile bringt. Zumal die 385 PS auch nicht ganz so furios nach oben jubeln, wie die 450 PS in der Mezger-Maschine.

Leistungsmangel ist dem GT4-Piloten aber dennoch ein Fremdwort. Er dreht wie ein Berserker, dieser umgedrehte 3,8-Liter aus dem normalen alten 911 Carrera S. Die Anschlüsse passen perfekt, das Getriebe mit automatischem Zwischengas ist mechanisch wie audiophil ein absolutes Gedicht. Überhaupt schreit und singt es ständig nach Rennsport in Reinform. Es wird zur Sucht, diese seidenweiche Wärmekraftmaschine immer und immer wieder über 5.000 Touren zu jagen.
 
Trockenes Fahrwerk aber etwas synthetische Lenkung
Doch nochmal zurück zum Fahrverhalten. Einen Kritikpunkt gibt es dann doch. Die elektromechanische Lenkung kommt in Sachen Rückmeldung und Feingefühl an die hydraulischen Systeme nicht heran. Im Regen bewegt sich das Volant schlichtweg zu schwergängig, um wirklich präzise und spontan den Lenkwinkel steuern zu können. Weite schöne Drifts erfordern daher etwas Übung. Wollte man dem GT4 vielleicht bewusst einen rustikalen Charakter verleihen?

Es federt und dämpft stellenweise wirklich betont ruppig, selbst wenn nicht die harte PASM-Einstellung aktiviert ist. Eine solche Verbindlichkeit ist man heute kaum noch gewöhnt, wo sich selbst die vermeintlich radikalsten Asphaltflitzer darum bemühen, es ihren Passagieren kommod zu machen. Im GT4 mahnen schon die sehr aufrechten Sitze aus dem 918 zur sportlich orientierten Haltung. Mit seiner trockenen Art erinnert der GT4 beinahe an die 996 GT3 ohne Adaptivdämpfer.
 
Extrem steifes, präzises Chassis
Der GT4 meint es eben wirklich ernst. Gegenüber dem normalen Cayman wurde jede Schraube umgedreht. Die Vorderachse stammt fast komplett aus dem 991 GT3, die  Lenkung vom Turbo und die McPherson-Mulltilink-Hinterachse ist so aufwändig präzisiert und versteift, dass sich wirklich gar nichts mehr nach der Basis anfühlt. Der GT4 ist zwar noch ein Cayman aber bis auf die etwas kapselartige Sitzposition erinnert beim Fahren wirklich kaum noch etwas an 'S' oder 'GTS'. Trotzdem geht dem durchtrainierten Profiathleten auch lockeres Gleiten ganz locker von der Kurbelwelle.

Er zieht locker sämig durch und umschmeichelt seinen Piloten ständig mit Eindrücken der angenehm knackigen Art. Der Schalthebel fällt in die Gassen, die sechs Töpfe singen ihr rauchig-sanftes Lied. Das höchst präzise Chassis sendet stets akkurate Infos über Zustand von Belag und Strecke. Man fühlt sich bei aller Härte verdammt gut aufgehoben in diesem erstaunlich emotional aufgeladenen Schwaben. Der GT4 trägt den Mythos mit vollem Stolz zwischen seinen Achsen.
 
Der agile GT4 hat seinen eigenen Charakter
Braucht man nun überhaupt noch einen GT3? Ja, denn die neuen Modelle eröffnen mit doppelter Lenkung und Kupplung fahrdynamisch neue Perspektiven. Von den höchstdrehenden Saugern ganz zu schweigen. In der Disziplin sind auch die 997 GT3 Mk2 dem GT4 einiges voraus und vermitteln zusätzlich ein noch authentischeres Fahrgefühl. Umso verblüffender aber, dass der agile Cayman mit dem 911-Motor trotzdem ähnlich viel Spaß macht, wie die Lichtgestalten aus gleichem Haus. Sein Charakter zeigt einfach unverkennbar aus welchem Blech er montiert wurde.

Er ist ein grundehrlicher Typ, dieser GT4 mit seinem festen Heckflügel und den abnehmbaren Blades im vorderen Radhaus. Er will wirklich gefahren, gedreht und geheizt werden. Er wird nie müde dabei. Reifen, Bremsen, Kühlung - alles gibt dem Fahrer die gleiche Botschaft: Zeig mir was Du drauf hast. Gerne auch mit aktiviertem, extrem feinfühligen ESP. Komplett ohne elektrische Leinen geht Alles. Präzise oder quer,  Ideallinie oder Kiesbett. Der GT4 begeistert den Sportfahrer immer und enttäuscht nie. Er ist der wendigste und agilste GT-Porsche und somit ein ganz eigener Typ. Womit die etwas dekadente Frage aus dem Titel auch zur Genüge beantwortet wäre.
 
Technische Daten und Messwerte:

Leergewicht (inkl. 918-Carbonsitzen, Lithium-Batterie, Klimaanlage, Stahlbremsen, Clubsportpaket): 1.381 kg (bei vollem Tank)

Vmax auf ebener Strecke (GPS): 296 km/h mit flacher Flügelstellung

 Mängel nach 10.500 km: keine



Fotografen: FrozenSpeed und Martin Englmeier
Wir verwenden Cookies um die Darstellung unserer Webseite auf allen möglichen Endgeräten bestmöglich zu gewährleisten. Durch das anklicken von uns in Beiträgen verlinkten YouTube-Videos werden personenbezogene Daten (Beispielsweise Ihre IP-Adresse, Standortinformationen, Browserversion, Betriebssystem usw.) an den anbieter übermittelt. Bitte stimmen Sie der Verwendung von Cookies durch unsere Webseite zu. Die Übertragung Ihrer Daten wird vom jeweiligen Anbieter (Youtube, Facebook, Google, Instagram usw.) direkt eingeleitet und nicht von Carsdaily selbst übermittelt.