Messerundgang: IAA 2017 - Zwiespältige Gefühle

Geschrieben von Matthias Kierse am . Veröffentlicht in Veranstaltungen

- Bildlicher Rundgang über die IAA 2017
- wenige Highlights, diverse Fragezeichen
- erleben wir in zwei Jahren eine 68. IAA?
- sind die Hersteller auf richtigem Weg?
- unsere Redakteure kommen zu Wort
 
Noch bis Sonntag (24.09.) läuft auf dem Messegelände in Frankfurt am Main die 67. Ausgabe der Internationalen Automobil Ausstellung (IAA). Was jedoch in diesem Jahr aus der einstmals größten Automesse der Welt geworden ist, ist dem Erfindungsland des Automobils nicht mehr angemessen. Fast das gesamte Team von carsdaily.de besuchte die Veranstaltung an einem oder sogar mehreren Tagen und verließ das Areal anschließend mehr oder weniger enttäuscht wieder. Da dabei natürlich unterschiedliche Meinungen herauskommen, lassen wir im Folgenden verschiedene Redakteure direkt zu Wort kommen. Falls Sie sich eher für unsere umfangreiche Bildergalerie interessieren, dürfen Sie gern bis ans Ende scrollen.
 
Kay Andresen:
"Seit nunmehr 34 Jahren besuche ich die IAA. Was im Jahre 1983 mit großen, staunenden Augen begann, entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer angenehmen Routine. Es war alle zwei Jahre ein Gefühl des 'coming home', gepaart mit der erwartungsvollen Neugierde, welche Premieren im aktuellen Jahr wohl den Besuch auf der Messe erneut zu einem automobilen Highlight werden lassen. Gut erinnere ich mich an das Jahr 2009. Ich war auf dem Weg zur Präsentation des Ferrari 458 Italia in Halle 6.0 auf einem kurzen Abstecher durch Halle 3.0. Bei Lamborghini stand ein abgedecktes Exponat bereit zur Pressekonferenz, dessen Konturen nur unschwer erkennen ließen, dass der Reventón Roadster hier seine Premiere feiern durfte. Natürlich blieb ich bei den Stieren aus Sant'Agata. Derartige Überraschungen suchte man in diesem Jahr leider vergeblich. Im Gegenteil begann bei mir die Enttäuschung bereits im Vorfeld, als bekannt wurde, welche Hersteller der Messe die kalte Schulter zeigen und nicht nach Frankfurt kommen würden.
 
Kann man als Freund des emotionalen Automobils noch damit leben, auf die neuesten Produkte von Marken wie Citroëns Tochterfirma DS Automobiles oder Mitsubishi zu verzichten, wiegt die Absage von Aston Martin oder Rolls-Royce schon schwer, zumal letztgenanntes Unternehmen mit dem neuen Phantom durchaus Interessantes zu bieten gehabt hätte. Als Resultat daraus habe ich mich lange gefragt, ob ich überhaupt nach Frankfurt fahren werde. Auslöser für den Besuch und mein persönliches Highlight der IAA 2017 war dann die Vorstellung des Mercedes-AMG Project One. Zuviel hörte man im Vorfeld über das erste Hypercar der Stuttgarter. Meine Erwartungen waren extrem hoch und der Project One erfüllte sie alle. Weitere Lichtblicke in einem Meer aus uninteressanten Exponaten waren für mich der Ferrari Portofino und der Lamborghini Aventador S Roadster. War letzterer sicher keine große Überraschung, überzeugt mich das neueste Pferdchen aus Maranello sowohl formal wie von den Fahrwerten. Ein weiteres Highlight war das Weltrekordfahrzeug des Bugatti Chiron, der den terminlich perfekt getimten Rekord 0-400-0 in Frankfurt inszenierte.
 
Als Bentley-Fahrer interessierte mich natürlich auch die Premiere des neuen Continental GT, der sich nach meinem Geschmack in der Serienversion optisch gefälliger präsentierte als die Erlkönige erwarten ließen, ohne mich jedoch endgültig zu begeistern. Leider kam die Ernüchterung, nachdem ich im Interieur Platz genommen hatte. Statt auf klassische Rundinstrumente, eingelassen in Wurzelholzfurnier, fiel mein Blick auf eine Bildschirm-Landschaft. Sorry Crewe, this is shocking. Not amused verließ ich nicht nur den Bentley-Stand - und kam mir vor, als hätte man Big Ben eine Digitaluhr verpasst - sondern im Anschluss auch die diesjährige IAA mit dem Gedanken, dass ich mich gerade nach 34 Jahren von der Messe verabschiedet habe. Zu sehr liegt inzwischen der Schwerpunkt der Messe auf Themen wie autonomem Fahren, Vernetzung und Elektromobilität. Passend zum enttäuschenden Auftritt der IAA 2017 fehlte mit Tesla der Pionier und für mich einzig überzeugende Anbieter dieser Antriebsform.
 
Obwohl - das autonom fahrende Automobil hat mir ein ganz persönliches Highlight der IAA 2017 beschert. Es war im Laufe der Pressekonferenz beim Daimler-Konzern, als mit vielen Show-Effekten die neue Smart Studie für eben dieses autonome Fahren in den Ballungsräumen vorgestellt wurde. Den Weg auf die Bühne fand der Kleine trotz Fehlen von Fahrer, Lenkrad und Pedalen noch ganz allein, nur als er ausgiebig gefeiert als 'die Zukunft des Verkehrs' selbige wieder verlassen sollte, rührte sich das Vorzeigeprojekt aus dem Hause Smart nicht vom Fleck, weder autonom noch durch Menschenhand geschoben. Vielleicht sollten alle Beteiligten diese Entwicklung noch einmal hinterfragen."

Laura Luft:
"Auf der IAA gab es einige Konzeptfahrzeuge zu sehen, unter anderem aus Japan: Der elektrisch betriebene Sportwagen Owl von Aspark wurde gekonnt in Szene gesetzt. Auch viele andere Hersteller wie BMW mit dem 8er, dem X7 sowie dem Z4, Mercedes mit dem Haifisch-ähnlichen Project One, aber auch andere längst in der Versenkung geglaubte Hersteller wie Borgward präsentierten zahlreiche futuristische Autos. Man merkte deutlich, dass die Hauptthemen dieser Messe sich auf futuristisches Design und Elektromobilität stützten. Bei Mercedes gab es hierzu einige 'Cell'-Projekte mit Elektro- oder Brennstoffzellenantrieb. Selbst Maybach kam ziemlich modernisiert und minimalistisch daher. Da ging Ferrari mit seiner Präsentation der Modelle selbst gegenüber Maserati etwas unter. Der VW-Konzern tummelte sich mit seinen Marken in Halle 3 und Audi hatte keine eigene Halle auf dem Freigelände mehr. Letztendlich war deutlich weniger los, da auch einige Hersteller gar nicht erschienen waren. Die Tuningszene wurde lediglich von Brabus, Startech, Carlsson, Akrapovic und IMSA vertreten, wobei diese Firmen sich ja inzwischen auf ihren eigenen Messen platzieren können. Alles in allem war die IAA 2017 eine ruhigere Messe als noch in früheren Jahren und es gab weniger Hallen, die man abklappern konnte."

Oliver Kühlein:
"Leerer ist es auf der IAA geworden. Hersteller fehlen, nicht nur einige sondern recht viele. Während der Autosalon in Genf mit Vielfalt verwöhnt und man buchstäblich nahezu alles sehen kann, lässt einen die IAA irgendwie ratlos zurück. Ok - ein Herstellersterben war auch schon in Paris im letzten Jahr zu beobachten und es scheint so, als ob die klassischen Automessen immer mehr in den Hintergrund gedrängt werden. Inwieweit sich eine Messe wie die IAA in dieser Form halten kann, bleibt abzuwarten. Die Massenautos kann man auch in Ruhe beim Händler anschauen, ohne dafür Eintritt zahlen zu müssen. Zum Träumen taugt die IAA nur noch bedingt. Wären Bugatti, Ferrari oder Lamborghini nicht mehr da wäre es ganz aus.
 
Highlights? Sicherlich der Mercedes-AMG Project One, der aktuell zeigt was technisch machbar ist. Design oder nicht sein ist immer Geschmacksache. Ich persönlich würde für die aufgerufene Summe von rund 2,275 Millionen Euro netto vermutlich eher nach einem 20 Jahre alten CLK GTR aus gleichem Hause schauen. Aber die Geschmäcker sind gottlob verschieden. Ein weiteres Highlight ist sicherlich der Lamborghini Aventador S Roadster. Die vermutlich schönste Art offen zu fahren. Daimler präsentierte eine neue Art, um Deko-Interieurteile herzustellen. Der Plan ist es, bei den Händlern einen 3D-Drucker aufzustellen, an dem die Kunden ihre Dekoteile für den Innenraum des Autos zukünftig selbst gestalten können. 3D-Druck scheint die Zukunft zu sein. Rolls-Royce Design Chef Giles Taylor sagte erst kürzlich in einem Interview mit dem Spiegel, dass 'Coachbuilding', also die individuelle Gestaltung von Karosserien, wohl wiederkommen wird, weil 3D-Druck die Möglichkeiten bietet. Zumindest ein Lichtblick für Autofans.
 
Enttäuschung drückte das Gefühl wohl am Besten aus, welches man nach dem IAA-Besuch empfand. Zu wenig Träume, zu beliebige Neuheiten und das Gefühl, dass Autofahren so wie wir es kennen und lieben, wohl in nicht allzu ferner Zukunft ausgestorben sein wird. Aber der nächste März nähert sich in großen Schritten und in Genf können wir endlich wieder träumen!"

Matthias Kierse:
"Bereits nach meinem ersten Besuch der diesjährigen IAA am ersten Pressetag machte ich mir auf dem Rückweg so meine Gedanken. Gab es so etwas wie ein Messe-Highlight? Sehe nur ich das aktuelle Messekonzept kritisch oder gibt mir die Publikumsmeinung am Ende Recht? Exakt eine Woche später wanderte ich noch einmal durch die Messehallen in Frankfurt und stellte eines fest: Trotz einiger interessanter Exponate war es auffallend leer - und das nicht nur, weil es Dienstag Vormittag war. Bereits im Vorfeld hatte die Ausstellerliste eine deutliche Sprache gesprochen, die durch den Hallenplan schließlich untermauert wurde. Die Absagen von Alfa Romeo, Fiat, Jeep, Dodge, Chevrolet, Corvette, Cadillac, DS Automobiles, Nissan, Mitsubishi, Aston Martin, Rolls-Royce und Volvo führten nicht nur dazu, dass die seit vier Jahren leerstehende Halle 1 nicht wieder in den IAA-Plan rückte, sie machte auch die Halle 6.1 obsolet. Hinzu kam eine 'New Mobility'-Sondershow in Halle 3.1, deren Sinn und Zweck sich mir auch nach längerem Nachdenken nicht erschließen will. Bereits heute sind unaufmerksame Autofahrer, die am Steuer Kurznachrichten tippen oder unbedingt die neuesten News auf ihren kleinen Smartphone-Bildschirmen lesen müssen, eine Riesengefahr auf Autobahnen, Landstraßen und in der Stadt. Wozu braucht es da eine noch stärkere Vernetzung neuer Autos mit Google und sozialen Netzwerken wie Facebook?
 
Ach ja, ich vergaß die von einigen Herstellern offenbar bereits als fest gesetzte Einführung des autonomen Fahrzeugs, am besten gleich ohne Lenkrad und Pedalerie. Hört man bei den entsprechenden Pressekonferenzen zu den Präsentationen der Konzeptstudien genau hin, so gibt es für die zuständigen Manager offenbar keine schönere Vorstellung, als diese völlige Trennung von Mensch und Maschine möglichst schnell Realität werden zu lassen. Dass es bis dahin noch eine Unzahl ungeklärter Fragen vom Versicherungsschutz über Sicherheit vor Hackern bis hin zur Einbindung in den heutigen Straßenverkehr gibt, wird mit einem Lächeln vom Tisch geschoben. Schön, wenn solche Leute dann mal wieder auf den Boden der Realität geholt werden - und das dann auch noch öffentlich wie bei der Pressekonferenz des Daimler-Konzerns. Mit dem Smart Vision EQ Fortwo plant man hier bereits in rund drei bis vier Jahren eine Neuausrichtung der hauseigenen Car-Sharing-Flotte 'Car2Go' in Form von autonom herumrollenden Fahrzeugen - die dann auch fahrerlos zum nächsten Kunden kommen sollen. In Form eines kleinen Musicals, dessen Textzeilen die wunderbare Welt ohne Lenkrad mit elektrisch betriebenen, autonom fahrenden Smarts besangen, rollte die Studie schließlich ins Rampenlicht. Als selbiges verlosch und der Kleinwagen wieder autonom von dannen rollen sollte - wobei wir hier mal ganz stark von einer Fernbedienung im Hintergrund ausgehen wollen - verweigerte der Winzling seinen Dienst. Erst die Demontage diverser Teile und die Überbrückung der störrischen Bordelektronik brachte wieder Bewegung - unter den kritischen Blicken von Konzernchef Zetsche.

Nun stellen wir uns solch eine Situation einmal in der Rush Hour einer Metropole vor. Sie als Fahrer oder Fahrerin wären nicht einmal in der Lage, den Wagen mit Hilfe von Passanten auf die Seite zu schieben - es gibt schließlich kein Lenkrad. Möchten Sie das wirklich? Ich lobe mir da auf jeden Fall mein inzwischen fünf Jahre altes Alltagsfahrzeug ohne Online-Funktionen und sonstige Spielereien, die vom Fahrvergnügen ablenken könnten. Vergnügen, da war doch was. Eigentlich empfand ich früher großes Vergnügen dabei, eine Automesse zu besuchen, weil es immer irgendwo einen besonderen Eye-Catcher zu sehen gab - ob nun bei den Herstellern oder den Zulieferern. Doch selbst dort hielt man sich in diesem Jahr vornehm zurück. Und so lassen sich die wirklichen Messe-Highlights fast an einer Hand abzählen: Neben dem Showcar zum Mercedes-AMG Project One waren es für mich der Ferrari Portofino, der Porsche 991.2 GT2 RS, der Brabus G 900 One of Ten, der Bentley Continental GT, der Aspark Owl und die Tuning-Sonderausstellung des AvD mit diversen Highlights der 1970er und 80er Jahre von damals namhaften Firmen wie SGS, BB oder Koenig. Aus meiner Sicht bleibt es sehr fraglich, ob es in zwei Jahren lohnen wird, die IAA erneut zu besuchen. Ebenso verhält es sich leider auch mit der in den Jahren dazwischen stattfindenden Show in Paris. Doch darüber ob ich hinfahre oder nicht entscheide ich erst, wenn es wieder soweit ist."

Wenn sich die gesehene Entwicklung weiter fortsetzt, bleibt es aus heutiger Sicht für uns sehr spannend, ob wir von der nächsten IAA im September 2019 überhaupt noch berichten werden. Natürlich hoffen wir das Beste, rüsten uns innerlich aber auch für eine weitere Enttäuschung. Für Sie bleibt an dieser Stelle nun noch der Blick in unsere umfangreiche Bildergalerie mit so ziemlich allen interessanten Exponaten der Messe.
 

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Fotografen: Matthias Kierse, Kay Andresen

 

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